Interview mit Tony Sheridan
Der "Teacher"

Seinem Tonfall, seiner Stimme und seinem Akzent zu lauschen ist für sensible Ohren eine derartige Wohltat, dass Tony Sheridan im Grunde auch das Telefonbuch von Hamburg rezitieren könnte. Man würde selbst die 200. Nennung des Namens Müller noch nicht als Nichtigkeit empfinden. Aber natürlich hat der Engländer, der seit den frühen Sechzigerjahren in Deutschland lebt, weitaus Bedeutenderes zu erzählen. Von seiner Zeit mit Gene Vincent und Eddie Cochran, vom „Kaiserkeller“, der „Großen Freiheit“ und dem „Top Ten“-Club in Hamburg, wo Sheridan als Solist auftrat, bevor er von einer damals noch unbekannten Band aus Liverpool begleitet worden ist, die sich danach anschickte, die einflussreichste und erfolgreichste Popband aller Zeiten zu werden. Noch heute spricht Paul Mc Cartney von Sheridan als Lehrer und sowohl John Lennon, als auch George Harrison schöpften nachgewiesenermaßen von Sheridans beachtlichen Gitarrenkniffen. Ringo hätte es ohne Sheridans Lockruf möglicherweise sogar nie zu Weltruhm gebracht. Und auch die jüngeren Brüder des australischen Saxofonisten seiner Band, Alex Young, ließen sich Sheridans Gitarrenstil stundenlang demonstrieren. Jahre später firmierten die Young-Brüder Angus und Malcolm mit ein paar Freunden als AC/DC. All das ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Und Tony Sheridan lebt viel zu gerne im Hier und Jetzt als dass er gerne unentwegt ausschließlich von seiner Vergangenheit profitiert. Inzwischen 68 Jahre alt, lebt Sheridan in Seestermühe bei Hamburg und ist immer noch hauptsächlich in Sachen Musik auf Achse. Sein alter Jazzchorus-Amp steht mittlerweile in einer Museums-Vitrine des Herstellers Roland, der Sheridan dafür mit einem neuen Amp belohnt hat. Und wenn er gerade nicht über Rock’n’Roll philosophiert, gerät Tony Sheridan als bekennender Velosoph über sein Fahrrad-Signature-Modell „Skinny Minny Bike“ ins Schwärmen. Welche Parallele es zwischen Radfahren und Rock’n’Roll gibt, erzählt Tony Sheridan im exklusiven Grand Guitars-Interview. Ladies and Gentlemen, please be upstanding for the man who once knew the Beatles best!

grand gtrs: Ein Signature-Instrument ist nichts Ungewöhnliches für einen Musiker, ein eigenes Fahrrad-Modell schon eher. Was macht das „Skinny Minny Bike“ einzigartig?
Tony: Es ist mir von der bekannten Radhersteller-Firma Norwid auf den Leib geschneidert worden. Meine Wappenfarben Gelb und Grün sind auf dem Rahmen zu sehen und es besitzt ein paar Komponenten, wie Sattel und Griff, die denen auf dem Rad gleichen, mit dem ich als Teenager durch Norfolk radelte. Als ich damals ausbrechen wollte, griff ich zum Fahrrad, was im Übrigen auch für die Stones und die Beatles galt. Fahrradfahren bedeutete für uns damals Freiheit, bevor Lonnie Donniegan, Elvis und Skiffle uns eine andere Form der Freiheit zeigten. Auch wenn ich heute mit 27 Gängen Gas gebe, fühle ich mich frei.
grand gtrs: Frei von Ölpreisen?
Tony: Die Krankheit Autofahren hatte ich noch nie. Ich fahre bis heute kein Auto und besitze auch keinen Führerschein. In meiner Jugend in der englischen Provinz gab es kaum Autos, weil sich kaum jemand eins leisten konnte. Nach dem Gymnasium war bei mir überhaupt nicht ans Studieren zu denken. Na gut, ich habe dann trotzdem ein bisschen Kunst studiert. Aber Autos waren so utopisch teuer, dass der Fahrradbesitz für uns damals ein großes Ding war.
grand gtrs: Die Analogie Fahrrad = Freiheit = Rock’n’Roll traf also damals auf die englische Jugend zu?
Tony: Als Lonnie Donniegan auftauchte, stand nicht mehr das Rad, sondern die Musik für Freiheit. Ich wollte auf der Stelle eine Gitarre bekommen, wusste aber nicht woher. Donegan spielte damals eine kleine Martin und ich war besessen von der Idee, die gleiche Gitarre zu bekommen. Skiffle war wie ein Wink des Himmels oder des Schicksals, weil mich der Wunsch, Musik machen zu wollen, wie ein Blitz im Kopf traf. Elvis gab mir dann den Rest. Dieser unmöglich schmierig aussehende Mensch, den meine Mutter hasste, obwohl sie ihn vermutlich insgeheim toll fand, war mir plötzlich viel wichtiger als Kunst und Radfahren. Leute wie John Lennon sind genau diesen Weg gegangen. Radfahren und später Rock’n’Roll haben uns befreit von Familie, Schule, Kirche und Konventionen. 
grand gtrs: Was haben denn die Lehren Bhagwans und der Rock’n’Roll für dich als Sannyasin gemeinsam?
Tony: Als ich in Poona und Oregon war, wo Bhagwan seine Kommunen unterhielt, hörte man über mehrere Ecken, dass er auf Rock’n’Roll stand. Eigentlich wollte ich gerne für ihn spielen, traute mich dann aber doch nicht in den Kreis der Musiker, die für ihn spielten. Aber Rock’n’Roll und Spiritualität sind ganz sicher kein Widerspruch. Beides ist sogar sehr lebensbejahend. Ich spreche nicht von dem Sex & Drugs & Rock’n’Roll-Klischee, das meiner Meinung nach eine Marketingidee war, auf die irgendein dekadenter Plattenboss gekommen war.
grand gtrs: Dass die deutschen alle Nazis seien, wie es zu deiner Jugend in England hieß, war aber leider nur eine Übertreibung deiner Landsleute. Warum bist du trotzdem 1960 nach Hamburg gegangen?
Tony: Hier konnte man in den Clubs spielen und wurde sogar dafür bezahlt, was in England damals gar nicht so üblich war. Du kannst dir vorstellen, wie entsetzt meine Mutter war. Für sie und viele andere englische Frauen waren die Deutschen „die Hunnen“. Tatsächlich zogen ja damals viele englische Männer in den Krieg gegen Deutschland und kamen nie mehr zurück. Das hinterließ tiefe Wunden in der englischen Seele. Als ich in Hamburg ankam, dachte ich zunächst auch: „Oh shit! These are the Germans!“. (lacht) Tatsächlich sahen die Leute hier nicht nur anders aus als in England, auch ihre Körpersprache war anders. Aber auch hier brachte der Rock’n’Roll etwas positives ins Rollen. Buchstäblich über die Musik kam ich den Deutschen näher und sie mir. Was soll ich sagen? Es hat mir bei euch so gut gefallen, dass ich heute noch hier bin.
grand gtrs: Du hast kürzlich eine Gold-Auszeichnung für mehr als eine Million verkaufte Exemplare des Albums bekommen, das du mit den Beatles in Hamburg eingespielt hattest. Kam die Goldene nicht ein bisschen spät?
Tony: Wahrscheinlich hatte Universal ein schlechtes Gewissen. Das Album verkaufte sich über die Jahre sehr gut und irgendwann wollte ich mir mit Hilfe eines Anwalts die Tantiemen holen, die mir über die Jahre nicht ausgezahlt worden sind, weil man es angeblich vergessen hatte. „Kreatives Abrechnen“ nennt man dieses Gebaren. Ich war erfolgreich und bekam eine größere Summe ausgezahlt. Und dann fragte ich die Plattenfirma: „Ja und wo bleiben die ganzen Platin-Awards?“. Schließlich verkauften sich die Alben und Singles millionenfach überall auf der Welt. Sogar in der DDR liefen die damals gut.
grand gtrs: „Kreatives Abrechnen“ ist ein schöner Euphemismus für Beschiss.
Tony: Ja, na klar! Die Herren in der Abrechnungsabteilung der Plattenfirma nennen das so und vermutlich werden sie befördert, wenn sie es gut machen. Bei dem Gespräch mit den obersten Plattenfirmen-Chefs in Berlin stellte ich aber fest, dass die davon gar nichts mitbekommen. Bei dem Gespräch habe ich dann auch gleich meinen Wunsch angesprochen, noch ein neues Album für Polydor aufnehmen zu wollen, wo ja damals auch die Sheridan/Beatles-Platte erschienen war.
grand gtrs: Hast du auch von den „Anthology“-CDs der Beatles profitiert, die „My Bonnie“ und „Ain’t She Sweet“ enthalten?
Tony: Nicht im riesengroßen Rahmen, aber ich habe davon profitiert. Ich bin ja der alleinige Vertragspartner für die ganzen Sachen, die ich damals mit den Beatles aufgenommen hatte. Vermutlich wollte mir Paul McCartney einen Gefallen tun und hat die Stücke deswegen auf die „Anthology“ gepackt.
grand gtrs: Wie sieht dein Kontakt zu McCartney heute aus?
Tony: Ich habe ihn in den letzten Jahren immer mal wieder in seiner Garderobe getroffen, wenn er auf Tour war. Ein bisschen stolz bin ich schon darauf, dass ich Paul damals, als wir in Hamburg monatelang zusammen wohnten und spielten, ein paar entscheidende Tipps für seine Rolle als Bassist gab, die er dann auch umgesetzt hat. Er war damals kein ausgewiesener Bassist, aber nach der Zeit in Hamburg war er alles andere als ein frustrierter Gitarrist. Er zählt für mich längst zu den besten Pop-Bassisten aller Zeiten.
grand gtrs: Wie hast du Ringo damals eigentlich rekrutiert?
Tony: Er war in meiner Gruppe, bevor er zu den Beatles ging, was die meisten gar nicht wissen. Ich brauchte zu Beginn meiner ersten Konzerte in Hamburg einen Drummer und fuhr mit dem Chef des „Top Ten“-Clubs im Auto von Hamburg über Belgien nach Liverpool um Ringo zu rekrutieren. Einmal angekommen, klingelte ich an seiner Haustür und sagte: „Ringo, come on! We need a drummer. Can you come with us to Hamburg and play for a couple of months.“ Für ihn war das kein Problem, aber als er dann in Hamburg war bekam er es mit dem Feldwebel Sheridan zu tun, der darauf achtete, dass der Beat konstant gehalten wurde. Ich war ein bisschen unfreundlich zu ihm damals, aber das Training in meiner Band hat etwas gebracht. Ohne uns wäre er bestimmt nicht fit genug gewesen für die Beatles, denn im Grunde war er genauso ein fauler Sack und spielte genauso beschissen wie die anderen Drummer aus Liverpool. 

grand gtrs: Ich las neulich eine Bühnenanweisung von dir. Darin hieß es: „Tony Sheridan ist ein Musiker der alten Schule. Überflüssiges technisches Beiwerk wird nicht benötigt.“ Bist du ein Equipment-Minimalist?
Tony: Ich weiß zwar nicht wer das geschrieben hat, aber im Grunde stimmt es schon. Wir hatten in den Sixties keine Monitorboxen um uns hören zu können. Vor allem Singen hat ja sehr viel mit Kontrolle zu tun und weil ich keine andere Möglichkeit hatte, mich selbst hören zu können, steckte ich mir den Finger ins Ohr um phrasieren zu können. Als Instrumentalist hatte man auch nicht viele andere Möglichkeiten um sich selbst kontrollieren zu können. Ich finde die heutigen technischen Möglichkeiten toll, die man als Musiker auf der Bühne nutzen kann. Aber ein ganz klein wenig glaube ich, dass all die tollen technischen Errungenschaften zu Ungunsten der des eigentlichen Geistes der Musik genutzt werden. Die Liebe zur Sache zählt zu allererst. Wenn man etwas im Herzen spürt, das ausgedrückt werden will, ist die Rezeptur, mit der man das Gefühl umsetzt zweitrangig. Deswegen ist alles Überflüssige, wie ein Brett auf dem Bühnenboden, das alle möglichen Sounds erzeugt, tatsächlich nicht mein Ding.
grand gtrs: Click-Tracks oder In-Ear-Monitoring ist dir also eher suspekt?
Tony: Schau mal, wir haben damals in den Sixties den Luxus genossen für unsere Proben bezahlt zu werden. Unsere Auftritte in Hamburg waren nichts anderes als öffentliche Proben, denn wir spielten teilweise sehr schräg, hielten den Takt nicht und hatten aber den Ehrgeiz richtig gute Musiker werden zu wollen, was uns, in aller Bescheidenheit, ja auch gelungen ist. Wer sich so lange den Arsch aufgespielt hat wie wir damals, braucht heute keine Click-Tracks um ein hervorragendes Ensemblespiel hinzubekommen.
grand gtrs: Besitzt du noch ein paar der Gitarren, die du in den frühen Sixties in den Hamburger Clubs gespielt hast?
Tony: Nein, leider nicht, weil ich nie eine besondere Bindung zu speziellen Instrumenten hatte. Mit einer Ausnahme: ich habe meinen alten Roland Jazz Chorus Amp geliebt, den ich bis vor ein Wochen besaß. Das Ding war wie ein Mensch, weil es mich in über 20 Jahren nie im Stich gelassen hatte, Wärme besaß und gut klang. Als ich dann vor kurzem einen neuen Amp haben wollte, rief ich bei Roland an und die sagten mir: „Tony, gib uns das alte Ding und du bekommst von uns ein ganz neues Model.“ Was soll ich sagen? Der neue Amp ist doppelt so groß wie der alte und besitzt zwei Lautsprecher statt einem. Aber das alte Teil besaß mehr Seele. (lacht) So verhält es sich auch mit den alten Gitarren von Früher. Die besaßen auch mehr Seele. Als ich mit den Beatles zusammen auftrat war ich vermutlich der erste Rock’n’Roll-Typ, der auf der Bühne eine Gibson ES 175 spielte weil die unglaublich gut klang – ein bisschen jazzig aber nicht zu jazzig. Übrigens, ich stehe immer noch auf die Soli, die ich damals gespielt hatte. (lacht)



grand gtrs: Wo befindet sich denn jetzt dein alter Jazz Chorus-Amp?
Tony: Bei Roland im Museum, mit Widmung von Sheridan oben drauf. Ich habe sogar eine kleine Träne vergossen, als ich den alten Amp vor zwei Monaten abgab, wobei das scheinbar für die Firma etwas Besonderes war, denn der japanische Chef von Roland kam extra dafür nach Europa. Ich plane sogar, wenn es irgendwie geht, in Verbindung mit Roland nach Japan zu reisen und dort ein bisschen zu spielen.
grand gtrs: Du spielst neuerdings Vorzugsweise eine Acoustic Thinline-Gitarre von Christian Stoll. Macht diese Hybrid-Gitarre eine größere Backline unnötig wenn du auf Tour bist?
Tony: Oh, das ist eine fantastische Gitarre, die Christian Stoll mir geschenkt hat. Es ist eine Art edle Telecaster, mit der man akustisch klingen kann, wenn man will. Sie kann sehr holzig und warm klingen, aber ich spiele auch laut damit. Es ist also eine sehr schöne Allround-Gitarre, die ein riesiges Gitarresammelsurium auf Tour tatsächlich überflüssig macht. Manchmal nehme ich zusätzlich noch eine akustische Yairie mit. Dann spiele ich hin und wieder noch eine Gitarre, die ich zusammen mit Lag entwickelt hatte, auf der überall mein Name steht. Es ist letztlich eine Jazz-Gitarre, die aber so unglaublich schwer ist, dass ich sie eher selten einsetze. Mit Fender konnte ich hingegen nie wirklich viel anfangen. Obwohl ich kürzlich mit jemandem gesprochen hatte, der Interesse an der Entwicklung einer Fender-Sheridan-Beatles-My Bonnie-Gitarre hat.
grand gtrs: War früher alles besser?
Tony: Gott, nein! Ich habe, wie John Lennon sagen würde, 25 Stunden am Tag Musik gelebt. Wenn man Sheridan heißt, die Gitarre in der einen Hand hält und den Koffer in der anderen und mit diesem Gepäck in Hamburg, Los Angeles, Vietnam, Australien und eigentlich überall auf der Welt gelebt hat, wird man zeitlos. Sheridan ist natürlich ein Produkt der Vierziger- und Fünfzigerjahre, aber er lebt dermaßen das Vagabunden-Leben, dass er sich dem Lauf der Zeit und den Veränderungen gar nicht verschließen kann.
grand gtrs: Redest du jetzt von dir in der dritten Person?
Tony: Ja, in der dritten Person sehe ich die Figur Sheridan von damals auch. Nicht, dass ich schizophren bin, aber ich habe einen Abstand zu Sheridan damals gewonnen. Der Musiker Sherdian blieb zwar Musiker, aber ich spiele und lebe heute mit einer anderen Attitüde. Insofern bin ich unter den „früher war alles besser“-Typen ein Sonderfall. Davon abgesehen, kenne ich auch keine Leute, die früher alles besser fanden. Außer die Rattles vielleicht. (Gelächter)

Website von Tony Sheridan: www.tony-sheridan.de

Text: Michael Loesl