Interview mit Dan Wilson von Semisonic

Vor etwa drei Jahren konnte man nirgendwo hingehen, ohne einen bestimmten Pop Song aus allen Lautsprechern zu hören. Was Erkennungsmelodien betrifft, ist Semisonics denkwürdiges “Closing Time” wohl eine der auffälligsten und erfolgreichsten der heutigen Zeit. Dies war einer der Songs, die sofort den Zeitgeist treffen , bemerkenswert in seiner Einfachheit und trotzdem so zeitlos und ausdrucksstark, wie es nur wenige Melodien sein können. Sein Komponist Dan Wilson, Sänger und Gitarrist des Indie Rock-Trios aus Minneapolis ist bekannt für seine Bescheidenheit, wenn er auf den kometenhaften Aufstieg der Single angesprochen wird. “Die einfachste Sache, die wir je gemacht haben” beschreibt er den Song, auf dem die raketenhafte Karriere der mehrfach mit Platin dekorierten Gruppe und ihr internationaler Ruhm basieren.
Auferstanden aus der Asche der Band “Trip Shakespeare” des älteren Bruders von Wilson, hat Semisonic Wilson und den Bassisten John Munson von Twin Cities mit dem Drummer Jacob Slichter, einem alten Freund aus Wilsons Harvard-Tagen vereinigt. Gleich von Anfang an, erklärt der liebenswürdige Sänger/Songwriter an einem perfekten Sommermorgen in einem Vorort von Minneapolis, waren sie entschlossen, alles anders zu machen.

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“Wir haben Semisonic ohne hohe Erwartungen begonnen” enthüllt Wilson, entspannt auf einer Couch in seinem Homestudio sitzend. “In unserer letzten Band, Trip Shakespeare, war unser grösstes Problem erstickte Kreativität. Wir kamen ins Studio, was unglaubliche $1,200 pro Tag kostete und jeder dachte, er müsse jetzt besonders kompetent sein, weil wir andernfalls das ganze Geld verschwenden würden. Es ist, als wenn man einen Feuerwehrschlauch hält, der Geld sprüht und Du musst ihn immer auf etwas richten - Du kannst ihn nie einfach loslassen oder auf etwas richten, das nicht funktioniert. Also haben wir mit Semisonic von Angang an alles selber gemacht. Wir hatten eine Phase, wo wir in Kellern, Lagerräumen und Korridoren aufgenommen haben.”
Nach ihrer ersten EP wurde dann das erste Album, Great Dividevon 1996 doch in einem Studio in Los Angeles aufgenommen. Dabei konnte die Gruppe sich davon überzeugen, dass es einen glücklichen Mittelweg zwischen State of te Art High End-Studios und hastig zusammengeschusterten Aufnahmesetups gibt.
“Das erste Album haben wir in den American Studios in Topanga Canyon aufgenommen - was in einer wirklich sehr schönen Umgebung war. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es möglich ist einen Mittelweg zwischen den beiden Extremen zu finden. man muss nicht alles in Lagerhaus-Korridoren machen, selbst wenn sie unheimlich atmosphärisch und grossartig klingen, aber alles im Studio zu machen, wo sich alles um den saubersten Signalweg dreht, erzeugt eine Pingeligkeit, die dem Feeling der Musik entgegenwirkt.” Die Lösung der Gruppe bestand daraus, für ihr zweites Album zurück nach Minneapolis zu gehen und sowohl an verschiedenen merkwürdigen Orten, als auch in einem professionelle Studio aufzunehmen. Beim dritten Album, dem technisch hervorragenden All

About Chemistry, welches die Gruppe komplett selbst produziert hat, entschloss man sich, das meiste in Wilsons Haus aufzunehmen.Dabei kam ein auf das Notwendigste reduziertes Setup um den VS-1680 24-bit Digital Studio Workstation zum Einsatz.
“Ich habe den gesamten Gesang inkl. Harmoniestimmen und viele der Pianos hier im Haus aufgenommen, erklärt er. “Danach haben wir auch viele der Gitearren im -1680 aufgenommen. Es war wirklich sehr hilfreich, das wir Verstärkerprobleme, die wir auf halbem Wege hatten, mit dem internen Modeling des 1680 lösen konnten. Beim Endmix hat keiner der Mischer [Bob Clearmountain und Tom Lord-Alge, zwei der etabliertesten Mixing-Ingenieure im Business] etwas zu den Gitarren gesagt. Sie haben die durch den Marshall Plexi und die durch das 1680-Modeling aufgenommenen Gitarren überhaupt nicht kommentiert - sie passten einfach perfekt zusammen.”
Wilson schätzt besonders die Stabilität und Zuverlässigkeit des VS-1680 - als jemand, der alle Arten von Computer-Abstürzen schon erlebt hat, weiss er wie wichtig es ist, dass etwas einfach ohne Probleme funktioniert. “Das Ding stürzt nie ab, ganz im Gegensatz zu meinem Computer,” sagt er. “Es ist ein Vergnügen, verschiedene Takes und Vocals zusammenzumischen und zu kombinieren, wenn man weiß, das es immer funktioniert.” Die Aufnahmen zum letzten Album begannen bereits, als die Gruppe noch auf Tour war, um ihren letzten Hit zu promoten. Wilson, ein besessener Songwriter der alles, vom Notizbuch über Minidisc-Player bis hin zu einem Playscool-Kassettenrecorder verwendet, um Ideen festzuhalten, war begeistert, als er das -1680 entdeckte. Jetzt konnter er endlich hochwertige Demos machen, währen er unterwegs war - etwas was vorher nie möglich war.

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“Wir haben ein Flightcase dafür bauen lassen und ich sitze bei jedem Auftritt in irgendeinem Raum mit nur dem -1680, einem Mikro und einer akustischen Gitarre,” erinnert er. “Am Ende kam es tatsächlich dazu, (was man wohl nicht empfehlen sollte) dass ich eine Menge Aufnahmen im Bus machte, während wir auf der Autobahn unterwegs waren. Ich habe einen Song mit Evan und Jaron geschrieben, der ‘Ready Or Not’ heißt und es sind ein Gitarrensolo und verschiedene Gesangsspuren auf der Endversion, die ich im Bus auf der Autobahn zwischen LA und Phoenix aufgenommen habe. Später hat mal jemand gesagt, dass man das nicht machen sollte, weil es die Festplatte beschädigen könnte aber ich denke das VS ist robust genug für sowas.
“das Komponieren unterwegs war total befreiend für mich,” fährt Wilson fort. “Sobald ich in der Lage war, bei jeder Veranstaltung mein Setup in einem separaten Raum aufzubauen, habe ich eine Menge neue Songs für das nächste Album geschrieben. Ich finde diese Idee eines Koffer-großen Setups, das man überall mit hinnehmen und im Studio problemlos an die großen Maschinen anschließen kann wirklich aufregend. Da ich viel unterwegs bin, finde ich es wirklich großartig, dabei Platten machen zu können.”
Wilson beschreibt sich selbst als jemanden, der die Tendenz hat, mit dem was er hat zurechtzukommen. Er nutzt Instrumente und Geräte so, wie es vom Hersteller gedacht wurde und denkt nicht immer über die Möglichkeiten hinaus. Als Analogie zeigt er auf die selbstgemalten fröhlichen abstrakten Bilder, die an seinen Wohnzimmerstudio-Wänden hängen. “Ich bin nicht sehr subtil. Wenn etwas grün ist, ist es nur grün und wenn es blau ist ist es nur blau,” sagt er lachend. Aber seine Begeisterung für das VS-1680 hat eine neue Seite seiner Persönlichkeit hervorgebracht. “Wenn nichts da ist außer einer abgewrackten akustischen Gitarre, die man nicht mehr richtig stimmen kann, denke ich gelegentlich ‘ich mag abgewrackte Akustikgitarren’ Aber neuerdings bin ich in dieser neuen Phase, wo ich feststelle, was ich wirklich will und auch danach frage.

Das heißt - ich bin und war nie ein Punkl Rocker, also ist es auch nutzlos so zu tun als ob. Es fing alles an als ich wirklich begann, das VS-1680 an seine Grenzen zu fahren. Es ist eine unglaubliche Maschine. Ich liebe es und habe es für das letzte Album reichlich eingesetzt; die Tracks vom -1680 sind über das ganze Album verstreut, aber ich denke jetzt an neue Dinge, die ich gerne machen würde. “Also habe ich einfach an den Menschen bei Roland geschrieben. Und Tom [Stephenson] schrieb zurück dass er mir nichts genaues sagen könne aber ich würde im Januar sehr erfreut sein.’ Das war offensichtlich ein versteckter Hinweis, das etwas in der Pipeline war .”
Was er meinte war natürlich das üppig ausgestattete VS-2480, und als er das herausfand, war Wilson einer der ersten, die eines haben wollten. Jetzt nach der langen Tour durch Amerika, England und Japan ist er endlich zu Hause bei seiner neuen Errungenschaft. “Ich habe angefangen damit aufzunehmen, als wir vor zwei Wochen von der Tour zurückgekehrt sind,” sagt er. “Ich habe es einfach aufgebaut und für eine Platte benutzt, die ein paar Freunde von mir machten. Bis jetzt haben wir akustisches Klavier aufgenommen und wir haben die Mic Presets für den Gesang benutzt - die klingen wirklich gut.

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“Es gibt dieses Gerät AE-7000 [AES/EBU Interface], welches es uns ermöglicht, 8 Spuren gleichzeitig digital auszuspielen,” fährt er fort. “Ausserdem klingt das VS-2480 voller, es hat mehr Tiefen. Ich benutze es nicht als Heim-Demo-Studio - es ist ein prima Hobby, aber eigentlich ist es kein Hobby - es ist mein Leben und meine Tracks landen am Ende bei Mischern mit goldenen Ohren, so dass ich ihnen wirklich professionell klingende Tracks geben muss. Ich will es fett und ich will satte Tiefen - die Tiefen waren wirklich der größte Unterschied, den ich bei diesem neuen Gerät gehört habe - und natürlich die verbesserten Preamps

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“Ausserdem gefällt mir, dass es noch mehr Knöpfe hat, so dass man es noch schneller bedienen kann. Wenn man an eine Bedienung gewöhnt ist, kann man wirklich schnell damit arbeiten aber es gibt immer Grenzen. Das -2480 hat eine Menge hervorragender Shortcuts, um Samples zu bewegen und verschiedene andere Sachen. Ich habe bemerkt, dass ich noch schneller Dinge ins richtige Timing bringen kann. Das ist eine wirklich große Verbesserung.”
An diesem Punkt des Interviews springt Dan auf und spielt die Klavier-, Bass-, Gitarren- und Gesangs-Spuren vor, die er in den letzten paar Tagen aufgenommen hat. Es klingt hervorragend, speziell in den Tiefen. Da es aber noch nicht gemischt und mit EQ versehen ist, hat es ein wenig zuviel Bass, um perfekt zu klingen. “Ja, ich könnte ein paar richtige Studiomonitore gebrauchen wie die, die man in jedem Studio findet - damit kann man beim Abspielen und Editieren entspannter hören,” stellt er fest. “Mal sehen, vielleicht können wir es im -2480 hindrehen?”

Nach einem kurzen Blick in die Bedienungsanleitung und ein paar Knopfdrücke später probiert er etwas, was er vorher noch nie versucht hat - er schleift einen Effekt in die Master-Spur, der das interne Speaker Modeling des -2480 nutzt.
“Wenn das nicht klappt, was machen wir dann?,” fragt Dan nervös. Aber seine Befürchtungen sind unbegründet; es ist ein Erfolg. Obwohl der gesamte Effekt dünner und ein wenig leiser ist, ist der Unterschied in der Ausgewogenheit der Aufnahme erstaunlich. [Dan hat das ‘white cone’ Speaker Modeling benutzt - für alle die dies zu Hause probieren wollen.] Wird er diese Funktion jetzt auch weiter benutzen?“Ja klar!” ruft er aus, offensichtlich begeistert von seiner neuen Entdeckung. “Das ist cool, ich könnte das den ganzen Tag machen. Was für ein Spaß. Ausserdem habe ich einfach geraten, wo man es einsetzt, was mir ein kompetentes Gefühl gibt.”
In den nächsten paar Monaten während Semisonic eine kurze Tour- und Aufnahme-Pause macht, freut sich Wilson darauf, viel Zeit zu Hause zu verbringen und das -2480 bei seinen verschiedenen Kompositions- und Aufnahme-Projekten an seine Grenzen zu fahren. Ausserdem will er Aufnahmen für seine kommende Solo-Platte machen.
“Ich bin wirklich glücklich mit dem -2480 und ich plane es als das Medium zu nutzen, wo von jetzt an alle meine Songs gespeichert sind, was ziemlich neu für mich ist,” sagt er. “Bis jetzt hatte ich alles auf den Playskool Tape Recorder, den Minidisc auf einen Walkman, den ich geschenkt bekommen habe, den Mac und das -1680 verteilt. Es war teilweise schon recht schwierig, sich zu erinnern, wo alle Tracks waren. Einerseits ist es cool, in der Lage zu sein, jede Menge Tracks aufzubewahren, andererseits ist es aber auch ziemlich dumm.
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Also werde ich im Interesse der Vereinfachung meines Lebens das -2480 als zentralen Aufbewahrungsort nutzen.”
Ein schneller Blick in sein Studio und es ist klar dass Wilson bemüht ist, alles möglichst kompakt zu halten. Mit dem -2480 auf einem antiken Holztisch neben dem Flügel, ein paar Gitarren, die an den Möbeln lehnen und großen gemütlichen Sofas zum Entspannen ergibt dies eine hervorragende Balance zwischen Wohnzimmer und Heimstudio. Das einzige leichte Problem ist der Standort seines Hauses. Es steht genau unter der Einflugschneise für Jets, die den Minneapolis/St. Paul Airport anfliegen und so kommt alle fünf Minuten ein höllischer Lärm von oben. “Wenn Du dir die Songs unseres letzten Alums genau anhörst, kannst Du die Flugzeuge tatsächlich hören,” stellt er fest, aber wie es so ist, sind die Störungen nicht lebensbedrohlich. “Wenn die Stimme gut klingt und sich alles gut anfühlt macht ein wenig Lärm von aussen nichts.”
Gleichzeitig haben Wilson und seine Bandkollegen gerade die Aufnahmen für den Wings Coversong “Jet” hier in seinem Heimstudio beendet. Er ist für das kommende Paul McCartney Tribute Album "Listen To What the Man Said: Popular Artists Pay Tribute to the Music of Paul McCartney" vorgesehen,
welches im Oktober auf Oglio Records herauskommen soll. Offensichtlich war es an diesem Tag ruhig am Himmel, denn man hört keinen Lärm. Also sag uns, Dan, ist der Grund warum Du die Band Semisonic genannt hast das Du an den wirklichen Lärm nicht herankommst? “Eigentlich war das Wort war die Erfindung eines meiner Freunde als Bezeichnung für Leute, die zu viele Effektboxen für Ihre Gitarre verwenden. Für mich ist es ein lustiges humorvolles Wort, es ist sehr Minnesota-artig, da es diese merkwürdige falsche Bescheidenheit hat,” erklärt er. “Wir sind nicht Supersonic oder Megasonic oder Mondo-Ultra-Killer-Sonic sondern nur eine Art Semisonic.”
Mit ihrer beeindruckenden Kombination aus meisterhaftem Songwriting, selbst-gestrickter Aufnahmetechnik und digitalen ultra-hi-tech Aufnahmegeräten scheint die beste Modern Rock-Gruppe aus Minneapolis keine halben Sachen zu machen. Solange sie weiterhin ihre makellos arrangierten Songs und wunderschönen Melodien komponieren wird sich das auch nicht ändern. Als das Interview-Ende naht und Semisonics Dan Wilson uns in die Welt entlässt, beschleicht uns das merkwürdige Gefühl, dass wir bald wiederkommen werden - wahrscheinlich mit neuen Roland-Geräten im Gepäck…