Interview mit Paul Gilbert

Es ist als würde sich Tanner Hall mit 80km/h rückwärts auf Skiern aus einer vereisten Halfpipe in den Himmel schießen, oder David Blaine mitten auf einem vollen Bürgersteig schweben, oder Tiger Woods eine Golfball 100 Meter weit in ein nur wenige Zentimeter großes Loch schlagen...man fragt sich: wie macht er das?!

Genauso fühlen sich Gitarristen wenn sie Paul Gilbert hören und spielen sehen. Eines von Pauls Videos heißt Terrifying Guitar Trip, und das bringt es genau auf den Punkt. Paul spielt schneller, sauberer und einfach beängstigend besser als fast jeder andere Gitarrist.


Paul wuchs auf dem Lande außerhalb von Pittsburg auf und zog als Teenager nach Los Angeles. Kurz darauf gründete er die Band Racer X, in der er, an der Seite des zweiten Gitarristen Bruce Bouillet, die bis heute beeindruckendsten zweistimmigen Gitarrenpassagen schrieb und aufnahm. Als nächstes gründeten Paul und Basstalent Billy Sheehan die Band Mr. Big, mit der sie großen kommerziellen Erfolg und auch Hit-Singles feiern konnten. Seitdem hat Paul sehr viel recorded und als Solo-Künstler gearbeitet; gerade kam sein erstes vollständig instrumentales Solo Album Get Out Of My Yard auf den Markt.

Paul hat einen schrillen Humor; wenn du die Site myspace.com/paulgilbert besuchst, findest du unter seinen Top-Friends: Wonder Woman, Thomas Jefferson, Carl Sagan und Keith Patridge von der Patridge Family. Aber verpasse auf keinen Fall seine offiziellen Website paulgilbert.com, auf der jede Menge Infos zu finden sind und, unter anderem, auch Pauls Rock Bass Player Quiz.

Ich persönlich kenne Paul aus der Zeit, an der wir beide am GIT in Hollywood unterrichteten. Während der Organisation seiner 2007 Welttour wurde eines unserer Telefonate für den „BOSS Tone Radio“ Podcast mitgeschnitten. Du kannst dir das Gespräch unter bossus.com/podcasts oder bei itunes kostenlos anhören.


Hier sind die Highlights des Interviews:

... Danke, das du auf unserem „BOSS Tone Radio“ Podcast dabei bist.
Paul: Danke an Euch für die Einladung. Schön mit dir zu sprechen, ich erinnere mich noch gut an unsere 80er GIT Tage. Sie waren der Hammer. Es war eine sehr interessante Zeit an der Schule, die ja von einem Haufen Jazz-Gitarristen gegründet wurde, und dann von uns Rock-Gitarristen langsam infiltriert und quasi gekidnapped wurde.

Kurz danach gründetest du Mr. Big. Wie fühlte es sich  an in diesen riesigen Stadien zu spielen
Paul: Es war erstaunlich. Unsere erste Stadion-Tour spielten wir als Opener für Rush, eine meiner musikalischen Heroes. Ich erinnere mich noch daran, als ich an meinem ersten Tag im Stadion ankam; man führte mich in den Cateringraum, jeder war beim Essen, und Geddy Lee saß dort beim Lunch. Ich habe mir vorgenommen cool in der Nähe der Jungs zu bleiben und nicht auszuflippen. Aber es ging nicht anders. Ich rannte zu Geddy und sagte: „Du bist der Größte, ich liebe euch Jungs.“ Doch sofort schämte ich mich dafür.

Ich war einmal in Deutschland um auf der Musikmesse zu spielen. Da stand ein Kerl auf der Bühne und war am daddeln, so das ich keinen Soundcheck machen konnte. Also ging ich hin – und wollte wirklich tough sein – aber als ich den Typen sah, war es Uli Roth. Ich glaube, ich bin wirklich auf die Knie gefallen. Es ist abgefahren, wenn du die Musiker triffst, die dich so beeinflusst haben.
Paul: (Lacht) Sie werden Teil deiner DNA.

In den 80ern kamst du einmal in die Lehrerlounge mit dieser Gitarre, die du deine neue „Tele“ nanntest. Und ich sagte: „Das ist keine Telecaster.“ Du zeigtest nur auf die Kopfplatte und da stand Telly Savalas. Das war das verrückteste was ich je gesehen habe. Hast du die Gitarre noch?
Paul: (Lacht) Ich gab sie einem Freund der die Racer X Website machte. Er hat die ganze Arbeit zum Vergnügen gemacht, und ich dachte, ich sollte ihm etwas für seine Mühe geben. Ich kann keinem Wortspiel wiederstehen, so entstand Telly Savalas – ein guter Name für eine Gitarre.

Welches Equipment hast du zu den Zeiten von Mr. Big benutzt?
Paul: Für jedes Mr. Big Album wollte ich ein komplett anderes Setup benutzen. Am Anfang war es eine Herausforderung, da ich direkt von Racer X kam, einer eher kreischenden Heavy Metal Band. Zu dieser Zeit hatte ich gerade den ADA Preamp entdeckt, den ich über ein paar Vintage Ampeg V4 Topteile spielte. Das Tolle daran war, das es sich um einen der ersten über MIDI schaltbaren Systeme handelte. Man konnte also radikale Soundänderungen auch ohne ein teures Bradshaw Switcher System erreichen. Es war billig, funktionierte und klang sehr gut.

Als ich dann mit Mr. Big spielte, wurde von mir mehr so ein 70er Jahre Vintage Sound gefordert. Ich komme so sehr vom Metal, das mich der Produzent ständig bat, weniger Distortion zu benutzen. Die 70er Sounds sind natürlich cleaner und auch perkussiver, da die Endstufe arbeiten muss.

Es war auf jeden Fall eine schmerzhafte Erfahrung, das ich in dieser Band nicht ständig bis zum Anschlag Fuzz fahren konnte, ich benötigte mehr Klarheit und Sustain, eben einen mehr klassischen, rockorientierten Sound. Ich kämpfte damit fast während meiner ganzen Zeit in der Band. Meine Wurzeln liegen so sehr im Metal, das es sehr schwer war den goldenen Mittelweg zu finden.


Hast du zu dieser Zeit auch Pedals benutzt?
Paul: Wie du weißt, war das ja die Zeit der Racks, also benutzte ich einen Eventide Harmonizer. Das Sache ist aber die, das  als ich als Kid anfing Gitarre in Bands zu spielen, Pedals angesagt waren. Hier liegen meine Wurzeln, damit fühle ich mich wohl.

Während der 80er, beschäftigte ich mich viel mit Racks, denn das war ja neu und aufregend, aber irgendwie landete ich doch immer bei den Pedals, und da bin ich auch heute noch. Ich gehe immer wieder in den Baumarkt um mir Sperrholz zu kaufen und mit Klettband Pedalboards zu bauen. Heute ist es mein erklärtes Ziel alles so unterzubringen, das es auf eine Seite meines Double - Gigbags passt. Auf einer Seite das Board, auf der anderen die Gitarre. So kann ich alles ins Flugzeug mitnehmen und bin überall bereit loszurocken.



Mein Pedalboard verändert sich ungefähr alle zwei Wochen. Hier ist die aktuelle Version (bevor ich rausgefunden habe, wie ich das Netzteil in die Mitte quetschen kann, so das der EQ nicht mehr oben sein muss.) Die anderen Pedale, die dort noch rumliegen, waren Kandidaten, haben es aber diesmal nicht geschafft. Die BOSS Pedals sind am Anfang und am Ende, ein BOSS Sandwich! Am Anfang habe ich einen BOSS Tuner und eine Digital Delay (DD-3). Am Ende befindet sich ein BOSS EQ. Ich benutze den EQ um einen Single Coil Pickup zu simulieren. Er macht den Amp etwas cleaner, und ich kann so einen Clean Kanal an einem verzerrten Amp simulieren.

Die Rückkehr zu den Pedals fing glaube ich mit den Aufnahmen meiner Soloalben an. BOSS Pedals sind ja allgegenwärtig. Sie sind „dauerpräsent“. Egal wo du hin gehst, sie sind überall. Ich weiß nicht mehr genau, wo ich sie alle zusammengesammelt habe, aber ich hatte schon immer BOSS Pedals bei mir. Ich kann mich dran erinnern, das ich in den Tagen von Mr. Big einen dieser blauen BOSS Kompressoren in meinem Live Rig hatte. (Den CS-3)

Ich glaube zu der Zeit hatte ich auch einen gelben Overdrive mit einigen Reglern – das war das Modell mit den vier Reglern. (Den OS-2)

Die beiden Pedals haben wirklich gut zusammengearbeitet; ich habe sie immer zusammen benutzt. Der Kompressor arbeitete als eine Art subtiler Boost für cleane Sachen und der gelbe brachte dich in Hyper Fuzz Regionen – und das Ganze mit einem Amp der sowieso schon verzerrt war. Aber das Beste daran war, das man einen schön verzerrten Amp hatte, der aber trotzdem noch clean genug war, so das er nicht anfing zu Rauschen, Feedback zu erzeugen und eine Menge Lärm zu machen, sobald man aufhörte zu Spielen. Ich hatte also ein Art nebengeräuschfreien, verzerrten Grundsound um dann mit den beiden Pedals zwei weitere abgedrehte Stufen erreichen zu können. Das hat gut funktioniert.

Du meinst aufhören zu Spielen, ohne den Volume Regler zuzudrehen?
Paul: Ich drehe aus Gewohnheit immer das Volumen runter. Wenn du die Art Verzerrung benutzt, die ich habe, sobald ich die Pedals anschalte, dann rauscht es und macht jede Menge Krach, selbst wenn der Volume Regler der Gitarre auf Null ist. Für mich geht das in Ordnung. Das ist auch kein Fehler im Pedal; du arbeitest eben mit  extrem viel Gain und Verzerrung, und gibst so der Gitarre dieses einzigartige Feeling, welches wahrscheinlich kein anderes Instrument der Welt so erzeugen kann.

(Musik läuft: Das Intro vom Song „Hurry Up“ von Pauls neuen Album Get Out Of My Yard.)


Ein sehr regelmäßiger Strom von 8tel Noten!
Paul: Das ist genau mein Problem – wenn ich einmal angefangen habe, kann ich nicht mehr aufhören.

Das hat einen mixolydischen, Dur-lastigen Vibe
Paul: Ich liebe Dur. Dur Tonarten, so einfach sie auch sind, waren eine enorme Entdeckung in meiner Kompositionsphase. Ich habe so viel Zeit mit Heavy Metal und Iron Maiden mäßigen Akkordverbindungen verbracht, als ich also anfing Beatles und Beach Boys Songs zu analysieren, die ja viel Dur-lastiger sind, öffnete sich für mich eine andere Welt.

Diese modalen Sprünge, erst in A-Dur zu spielen und dann ganz plötzlich nach A-Moll zu wechseln – ich liebe so etwas.
Paul: Oh yeah, und lydisch. Lydisch ist genial.

Welches Equipment hast du für diesen Song benutzt? Du erwähntest, das du ein einige BOSS Pedals für dieses Album benutzt hast.
Paul: Als erstes den Tuner, ohne den ich nicht leben könnte.

Den TU-2?
Paul: Yeah, den auf den du trittst, und der dir dann auf der Bühne anzeigt ob du in Tune bist oder nicht.

Benutzt du das Stream Meter, bei dem sich die LEDs schnell bewegen, oder arbeitest du in dem Mode, bei dem sich die LEDs zentrieren?
Paul: Definitiv den Mode in dem sich die LEDs zentrieren. Wenn ich den Stream nehme, bin ich komplett verloren. (lacht). Ohne den Tuner kann ich nicht leben. Er ist immer das erste Pedal auf jedem von mir gebauten Pedalboard. Ich benutze auch den DD-3 sehr viel. Ich weiß nicht ob du ihn schon gehört hast, aber auf dem Album („Get Out Of My Yard“) gibt es einen Song, den Echo Song, in dem der DD-3 die ganze Zeit benutzt wird. Ich habe das Delay auf eine punktierte Achtel gesetzt. .

Wie Eddie van Halen
Paul: Yeah, dieses Kathedralending, so wie es auch Pat Travers und Pat Thrall benutzt haben. Ich habe sogar eine fünfeinhalb - minütige Heavy Metal Gitarren-Etüde mit dem DD-3 geschrieben.

Eine andere Sache, sogar das erste was du am Anfang des Albums hörst, habe ich auch mit dem DD-3 gemacht. Ich habe etwas Besonderes an diesem Pedal entdeckt. Wenn du es ausgeschaltet hast, passiert Folgendes: Du bist auf Bypass und spielst etwas, dann hörst du auf und schaltest das DD-3 ein. Eigentlich würde du jetzt nichts erwarten, dann du warst ja auf Off. Aber das Pedal merkt sich, was du gespielt hast. Wenn du also so etwas spielst wie „wadaladalada“ (singt ein Lick) und dann schnell auf das Pedal trittst, mit Feedback  und der längsten möglichen Delayzeit, spuckt es dir die eben gespielte Melodie endlos wieder aus.

Das muss ich probieren.
Paul: Und ich benutze es für einen Haufen Soli, speziell ohne Begleitung, denn dann kann ich mein schnellstes und beeindruckendes Lick spielen, direkt danach aufhören, auf das DD-3 kicken, und es spielt dir das Lick direkt wieder zu.

Hast du also das Introlick auch mit dem DD-3 gemacht?
Paul: Ich habe das schwierigste Minor Triad Lick gespielt, welches ich mir irgendwie aus den Fingern holen konnte. Dann sofort den DD-3 angeschaltet, und es damit geloopt. Dann habe ich den Rate-Regler ganz aufgedreht, bis nur noch ein „whowhoowhoo“ zu hören war. Dann habe ich es langsam auf das normale Tempo – also das, in dem ich es eingespielt habe – zurückgedreht, was immer noch sehr schnell war (lacht). Beim Mixen habe ich es dann mit der höchsten Geschwindigkeit einfaden lassen, so als würde der Klang direkt aus dem Universum in das verrückte Lick hinabsteigen. Das ist mit eines der coolsten Sachen, die ich aus dem DD-3 herausholen kann.

Irgendwelche Schlusstipps für einen guten Ton, irgendein Tipp
Paul: Ich würde sagen, probier einfach alles aus. Musikgeschäfte sind ein ungünstiger Ort um Equipment auszuprobieren, da du nie soweit aufdrehen kannst, wie mit deinem Drummer im Keller. Mach deine Experimente mit einem Drummer. Es ist ein großer Unterschied, wenn du einen feinen, mikroskopischen Sound kreierst, der zwar einen Drachen in deinem Schlafzimmer töten könnte, aber wenn du den Sound dann laut aufdrehst, um mit deinem Drummer zu spielen, ist er aus vielen Gründen nicht zu gebrauchen – entweder sind die Noten nicht klar genug, alles klingt zu noisy oder du hast keine Kontrolle über das Feedback.

Wenn du einen ordentlichern Amp mit wenigstens einer 2x12er Box und einen Drummer bekommen kannst, stell den Amp neben das Drumset und reiß ihn auf, dies gibt dir eine viel realistischere Testumgebung für Pedals, Pickups, Topteile und all dies Zeug. Du erhältst einen viel realistischeren Eindruck, als wenn du das Zeug in deinem Schlafzimmer aufbaust; übrigens ein sehr schlechter Platz um einen guten Eindruck zu erhalten.

Gehst du 2007 wieder auf Tour
Paul: Ich buche gerade die Flüge während wir sprechen...

Text: Paul Hanson