Interview mit Matmos

Für jeden talentierten aber unterschätzten Musiker, der davon träumt entdeckt zu werden, präsentieren wir Matmos. Deren Zusammentreffen mit Björk ist eine bemerkenswerte Story, wie Sie gleich lesen werden. Martin M.C. Schmidt, eine Hälfte des Matmos Braintrust, erzählt die Geschichte:

“Als wir unser zweites Album herausbrachten [1998], gingen wir zu Rough Trade Records in London, um zu sehen, ob sie den Vertrieb übernehmen wollten. Es war ein selbstproduziertes Album und wir hatten nur vier Kopien mitgenommen. Sie sagten sowas wie, ‘OK Jungs, wir nehmen zwei davon’”

Stellen Sie sich die Treffer-Wahrscheinlichkeit vor - zwei Kopien der CD in ganz London und Björk kauft eine davon! Und was sie auf der Platte hörte, gefiel ihr, also suchte sie Matmos und lud sie ein, ihren Song “Alarm Call” zu remixen. Das war wirklich Glück, um es vorsichtig auszudrücken.

“Wir haben gute zwei Wochen an dem Remix gearbeitet” sagt Drew Daniel, die andere Hälfte von Matmos. “Als sie es hörte, sagte sie: ’Ich bin begeistert’. Das war der Beginn unserer Freundschaft und Zusammenarbeit.” Björk buchte Matmos als Gast-Programmier für den Song “Hidden Place” von dem Vespertine--Album und von da an setzte eine Art “Schneeball-Effekt” ein. Bald waren Martin und Drew ein Teil von Björks Live-Band, welche auf zwei Welt-Tourneen ging, inkl. Stops im Coachella und im Live 8 in Tokio.

Jetzt, zurück in San Francisco, arbeiten Matmos hart an ihrem nächsten Album, wobei ein Arsenal an klassischen und aktuellen Synthesizern zusammen mit Samplern und Radiogeräten zum Einsatz kommt. Das neueste Mitglied in ihrem Hardware-Setup ist Rolands V-Synth.

Roland hat Matmos in ihrem Hauptquartier im Potrero District von San Francisco besucht und diese Reportage gemacht.

Es herrscht absolut kein Mangel an Hardware Synthesizern und Outboard-Equipment hier in Eurem Studio - wirklich beeindruckend!

Drew: Es ist einfach musikalischer und intuitiver, alle 10 Finger mit Hardware zu benutzen. Ich meine - ich mag es, mit Max MSP herumzuspielen und zu programmieren und ich verwende gelegentlich auch Software-Synthesizer, aber wenn es um's Experimentieren geht, führt das Herumspielen mit Reglern an Hardware-Geräten eher zu unerwarteten Ergebnissen. Natürlich kann man auch Controller mit reichlich Reglern für Soft Synths verwenden, aber es gibt einen guten Grund, warum diese Hardware-Werkzeuge bei vielen großartigen Aufnahmen benutzt wurden. Ich glaube es ist die Musikalität der einzelnen Instrumente. Die Bedienoberfläche wurde speziell dafür geschaffen, dir viele intuitive Möglichkeiten zu geben.

Die Leute erzählen uns manchmal, dass wir reduzieren und weniger Equipment benutzen sollten - speziel bei unseren Live-Shows - “Ihr würdet kein Übergepäck haben”. Deren Motto ist “die beste Show ist die vernünftige Show”.

Martin: Das ist schon ein Running Gag bei uns. Wir machen hier Kunst. Dabei geht es nicht um Effizienz. Die Idee ist nicht, vernünftig und konservativ zu sein.

Drew: Niemand hat je gesagt “Geile Band, die hat wenig Equipment zum Gig geschleppt” Dem Publikum ist das egal. Der Punkt ist, dass die sehen wollen, wie die Musik gemacht wird, speziell da dies bei vieler elektronischer Musik verborgen bleibt. Es ist wie eine "Black Box" und sie haben keine Ahnung wie es funktioniert. Aber mit ausdrucksstarken Bewegungen wie beim D Beam des V-Synth kann man tatsächlich eine Verbindung zum Publikum herstellen. Sie sehen, wie der Klang tatsächlich beeinflusst wird.

Martin: Natürlich kann man dasselbe mit Reglern an einem Controller machen, aber wie interessant ist das? Ich meine, Ich könnte auch CDs zu jedem im Publikum mailen, die klingen hervorragend und wir könnten zu Hause sitzen und vernünftig sein

Da der V-Synth D Beam zwei Kanäle hat, kann er zwei Parameter in einer Bewegung bedienen.

Martin: Der D Beam ist eines der Dinge, die mich beim V-Synth besonders beeindruckt haben. Das ist eine hervorragende Antwort auf Soft-Synth-Controller, denn hier gibt es einen Touch Screen, Regler, D Beam und das Time Trip Pad. Jede vorstellbare Manipulationsmöglichkeit ist vorhanden. Als ich den V-Synth das erste Mal sah, wusste ich: das ist der Richtige für mich.

Drew: Wir sind eine Sample-basierte Band, so dass das meiste was wir machen, zuerst ein Konzept braucht. Das wird dann realisiert, indem man erst eine Situation erzeugt, diese aufzeichnet, das Resutat zerschneidet und zu einem Song zusammenfügt. So wird unsere Musik gemacht. Mit älteren Samplern gab es immer Grenzen, was man in Echtzeit machen konnte. Das dies nicht mehr so ist, ist der große Vorteil des V-Synth.

In der Vergangenheit, war ich immer derjenige, der die Samples benutzte, während Martin Instrumente oder Objekte spielte. Wenn wir z.B. “For Felix (and all the rats)" spielten, saß Martin auf der Bühne, zupfte und strich die Stäbe eines Rattenkäfigs, während ich die Sampels spielte. Seit wir den V-Synth haben, schreiben wir Songs, wo wir beide mit Samples umgehen und Martin kann sie genauso manipulieren wie ich. Das Ganze geschieht auf manche Weise viel dramatischer und drastischer, da der V-Synth es ermöglicht, solche Dinge wie Formanten sofort zu manipulieren - außerdem sind Tonhöhe und Tempo voneinander unabhängig. Das hat uns am V-Synth begeistert, nicht die Presets, obwohl es viele gute gibt. Für uns war wichtig, dass er Martin eine Möglichkeit zum flüssigen Manipulieren von Samples gibt.

Wie lange benutzt Ihr jetzt schon den V-Synth?

Martin: Ich habe ihn im Dezember [2004] bekommen.

Drew: Wir haben ihn auf fast allen Songs der neuen Platte benutzt [sie soll im Mai 2006 auf Matator erscheinen]. Also bildet jetzt ein weiterer Sampler das Zentrum unseres Sounds, zusammen mit dem alten 12-bit Roland W-30.

Was ist es, das Euch den W-30 immer noch verwenden lässt?

Drew: Ich kenne ihn einfach in- und auswendig. Mit der kurzen Lebensdauer heutiger Geräte kann man sich tatsächlich dazu gedrängt fühlen, immer die neuesten Sachen haben zu müssen, aber “man tanzt immer mit dem, der einen mitgebracht hat”. Für mich bedeutet die Einfachheit eines älteren Gerätes, dass ich beim Live-Spielen Samples in Echtzeit herstellen und sie extrem schnell manipulieren kann. Ich muss nicht ständig durch Untermenüs springen. Es ist einfach und direkt. Es passt einfach zu Live-Auftritten. Deswegen ziehe ich immer noch mit diesem Sampler aus der MC Hammer-Zeit herum. Ich liebe auch die Möglichkeit, Sample Loop-Punkte in Echtzeit verändern zu können, wodurch man Sachen wie diese machen kann [demonstriert, wie er ein Sample vongleichmäßig bis stotternd verändert]. Deswegen finde ich, dass es immer noch ein sehr ansprechendes Live-Instrument ist. Aber jetzt, da Martin die Feuerkraft des V-Synth hat, bekomme ich doch langsam Angst [lacht]. Mir gefällt, was er in letzter Zeit macht, diese Hybrid-Sounds aus mehreren Quellen.

Was für Sounds hast Du mit dem V-Synth kreiert?

Für den neuen Song, an dem wir gerade arbeiten, hat Martin eine Flöte mit einem Gesangs-Sample von Björk zusammengefügt. Herausgekommen ist ein eigenartiger, streicherartiger Sound - eine Schwingung, die ich vorher noch nicht gehört habe. Wir verwenden das als Kern des Songs.

Wo wir von Björk sprechen, erzählt uns von Euren Erfahrungen im Studio mit ihr.

Drew: Das hat jede Menge Spaß gemacht und war extrem produktiv.

Martin: Das Verrückte ist, dass sie uns tatsächlich gefragt hat, ob wir ihr beim Mischen von Vespertine helfen würden, was natürlich sehr schmeichelhaft war. Da waren wir, frisch aus unserem miesen kleinen Apartment-Studio in San Francisco, in den Olympic Studios in London mit Spike Stent, der alles von ihr mischt. Spike ist ungemein freundlich und entspannt, so dass wir uns sofort zu Hause fühlten. Was die da an Equipment haben, ist unglaublich - da gibt es mehr Effektgeräte, als je erfunden wurden - Rack und Rack und Rack und Rack.

Drew: Zu sehen, wie er Hall in Hall und Effekte in Effekte eingeschleift hat, war sehr lehrreich für uns, speziell da wir noch nie in einem Studio waren, welches stundenweise bezahlt wird. Und plötzlich waren wir da, um unsere Meinung zur Mischung von Vespertine zum Besten zu geben. Das war doch recht einschüchternd, aber sie waren sehr nett.

Als es dann zum Endmix kam, war unsere Sensibilität ... naja - wir mögen es nicht so sehr, wenn Dinge riesig klingen. Das ist nicht unser Ziel. Wir bevorzugen knusprige, close miked-Sounds, wo Dinge ihren eigenen Klang behalten, wo Gitarren z.B. nach Holz klingen. Das ist es, wonach wir streben. Spike ist genau das Gegenteil; er liebt es, wenn Dinge wie Panzer klingen, unangreifbar und riesig.

Martin: Es entstanden durchaus kleine Konflikte, weil die Spuren, die wir für die Songs gemacht hatten, plötzlich in etwas gigantisches verwandelt waren. Wir sagten sowas wie, “Eindrucksvoll, aber das sollte eher wie kleine Plastikstücke klingen, trocken und flüsternd - Björks Idee mit Vespertine war, es wie Laptop-Lautsprecher, ganz nah dran klingen zu lassen”. Deswegen hat sie wohl uns ausgesucht, weil genau diese kleinen, intimen Sounds unsere Spezialität sind.

Drew: Ich habe einige Rhythmen für den Song “Aurora” gemacht, indem ich Flüstersounds von Björks Lippen gesampelt und daraus Snares oder Kicks generiert habe, so dass es sehr intim und nah klingt.

Es ist recht einschüchternd wie weit fortgeschritten Björk in ihrem musikalischen Denken ist. Es ist unglaublich, wie sie eine Komposition durchdenken kann. Wir andererseits sitzen vor dem Bildschirm und basteln kleine Schnipsel zusammen. Über unseren Köpfen schwebt keine Glühbirne und zeigt uns komplette musikalische Ideen. Wir sind keine Komponisten in der Art, wie sie es ist. Das ist aber im Grunde eine gute Sache, da wir uns so nicht gegenseitig im Weg stehen.

Wenn man sich in Eurem Studio umsieht, kann man verschiedene interessante Audiogeräte sehen, wie z.B. den BOSS VT-1 Voice Transformer. Wie seid ihr dazu gekommen?

Drew: Ich habe noch ein anderes Projekt mit Namen The Soft Pink Truth und dafür habe ich Aufnahmen mit vielen verschiedenen Sängern gemacht. Als wir dann auf Tour gingen, konnte ich sie nicht alle mitnehmen, also habe ich mir ein VT-1 besorgt, mit dem ich "Geschlechtsumwandlungen" vornehmen kann. Seitdem habe ich es ständig benutzt.

Ihr habt noch einen anderen Roland-Klassiker, den SH-101, den Ihr sowohl für Aufnahmen als auch auf de Bühne benutzt. Es geht das Gerücht, dass Euer erster Roland Synth, ein Juno-60, einen grausamen Tod gestorben ist. Stimmt das?

Drew: Erzähl's Ihnen Martin.

Martin: Ich habe früher mit neun anderen “Künstlern” in einem Lagerhaus gewohnt. Eines Tages hat jemand einen S-50 mitgebracht und gesagt “Dein alter Synthesizer hat ausgedient” Also haben sie ihn in eine Abseite gepackt, wo eine Glühbirne von der Decke hing und die Tasten berührte. Nach ein paar Tagen sind alle Knöpfe und Tasten geschmolzen und zusammengeklebt. Also bin ich mit dem Juno in eine Reparaturwerkstatt mit Namen Magic Music Machines gegangen. Als die ihn sahen, meinten sie "was soll das denn sein, das können wir nicht reparieren - aber können wir ihn haben?”

Und Du hast ihnen den Juno geschenkt?

Martin: Ja und sie haben ihn an die Wand gehängt [lacht].