Interview mit Marcus Brown

Roland ist stolz, an Madonnas 2004 Re-Invention Tour (siehe unten) teilgenommen zu haben. Jetzt, 2006 ist die Pop Queen mit einer neuen Tour zurückgekehrt. Der Keyboarder Marcus Brown hat sich mit Roland und Bruce Forat [www.forat.com] zusammengetan, um ein einzigartiges Roland-Keyboard-Setup für die Bühne zusammenzustellen.

Die Haupt-Instrumente in Marcus' neuem Set sind speziell angefertigte weiße V-Synths, V-Synth XTs und Fantom-X7. Außerdem steht ein nagelneuer SH-201 auf dem Rack. "Ich habe bereits eine ganze Bank mit Patches dafür programmiert" sagt er über den SH-201. "Ich liebe ihn - er klingt wärmer als andere Analog-Modeling Synths, die ich in der Vergangenheit benutzt habe, außerdem sind die internen FX erste Klasse. Er bietet auch eine hervorragende Art der Kompression. Es scheint, als würden die Oszillatoren zusammengedrückt, wenn man mehr als zwei bis drei Töne gleichzeitig spielt - große Klasse, sehr Old School-mäßig."

Bei Madonnas Re-Invention Tour kommen sechs spezielle Roland-Synthesizer zum Einsatz...

... und so sieht's aus!

1989 war ihr Mantra "Express Yourself". Fünf Alben, fünf Grammys, vier Filme und vier Bücher später hat Madonna Re-Invention zu ihrem Thema gemacht.

Sehr passend: mehr als jeder andere Popstar der jüngeren Geschichte ist Madonna zu einem Symbol für die Verwandlung der Mode geworden. Vom Kaugummi-Punk über das wasserstoffblonde Material Girl und die Goth Queen bis hin zum Cowgirl - Madonna war nie zweimal dieselbe Frau.

Für ihre Musk gilt dies gleichermaßen. Von Anfang an hat Madonna sich mit ständig wechselnden innovativen Mitstreitern umgeben. Nile Rodgers, Jellybean Benitez, Patrick Leonard, Shep Pettibone, Babyface, Dallas Austin, Nelle Hooper, William Orbit, Guy Sigsworth, Mirwais Ahmadzai, Mark “Spike” Stent, Stuart Price und viele andere haben Madonnas CDs und Touren mit ihrer Magie geadelt.

Die Resultate sprechen für sich selbst. Madonna hat mehr als 250 Millionen Alben verkauft und wird im Hinblick auf Top Ten-Singles nur von Elvis übertroffen. Auch ihre Touren haben Rekorde aufgestellt und Ihre Popularität ist nach wie vor ungebrochen. Jetzt - mehr als zwei Jahrzehnte nachdem “Holiday” und “Lucky Star” das erste Mal im Radio liefen, sind Madonnas Konzerte immer noch Ereignisse ersten Ranges. Die diesjährige Re-Invention-Tour geht um die ganze Welt, von L.A. bis Lissabon, und ist immer und überall ausverkauft.

Das ist keine Überraschung — wenn Madonna auf Tour ist, gibt es von allem nur das beste. Ihre Produktionen sind riesig. Ihr Team besteht aus den besten. Und das bring uns zu Marcus Brown und Mike McKnight.

Marcus Brown, der erste Keyboarder, kam 1998 erstmalig zu Madonna für ihre Drowned World-Tour und wiederum für die diesjährige Tour. Bevor er für Madonna spielte, reiste Marcus mit The Verve und anderen hochklassigen Pop- und Electronica-Künstlern um die Welt. 2003 war er mit Ozzy Osbourne als Keyboarder unterwegs.

Mike McKnight ist seit mehr als 10 Jahren Madonnas “Technik-Zauberer”. Oftmals sitzt er in einem Cockpit unter der Bühne, von wo aus er zusätzliche Synth Parts spielt und Digital Audio-Geräte bedient. Er ist sozusagen das Herzstück der Show, wo alle Fäden zusammenlaufen — Instrumente, Video, Effekte, Licht. Außer für Madonna hat Mike bereits als Programmierer und auf Tour für Künstler wie Mariah Carey, U2, Whitney Houston, Shakira, J-Lo, Earth Wind & Fire und viele andere gearbeitet.

Mike und Marcus benutzen nur das allerbeste Equipment. Wenn es um die Technik geht, dulden sie keinerlei Kompromisse. Speziell Mikes Karriere beruht auf fehlerlosen Performances. Ein harmloser technischer Defekt im Studio mag für die meisten Musiker kein Problem sein, aber es könnte tödlich für Mike McKnights Karriere sein. Er erwartet von sich und seiner Ausrüstung absolute Perfektion - daher arbeitet er auch seit Jahren für die anspruchsvollsten Pop Stars.

Für die Re-Invention-Tour setzen Mike und Marcus eine Reihe brandneuer Roland Fantom-X7 und V-Synths ein. Hier ist die Geschichte, wie die Musiker den Job bekamen, wie sie sich für die Tour vorbereitet haben und wie sie diese extravagante Show zum Leben erweckten:

Man wird für eine so exklusive Tour nicht zufällig gebucht. Wie bist Du an den Job bei Madonna gekommen?

Mike: 1990 hatte ich Klavierunterricht bei John Novello und einer seiner Schüler arbeitete in Freddie DeManns Büro — damals Madonnas Manager. Sie wählte John und mich bei dn Auditions aus. John spielte als Keyboarder vor und ich wurde als Programmierer/Offstage-Keyboarder/Sequencer-Mann gebucht. Den Job habe ich hauptsächlich durch Mundpropaganda bekommen, da ich Tasteninstrumente offstage spielen konnte und in der Lage war, Sequenzen und zusätzliche musikalische Parts zu programmieren und abzufahren. Ich hatte gerade meine Arbeit für Earth, Wind & Fire abgeschlossen, als ihre Tour beschlossen wurde.

Ursprüglich sollten nur einige Chorsänger und wiederholte Keyboard- und Percussion Parts aus dem Computer dabei sein — ein Atari 1040 ST mit Dr T’s Sequenzer. Ich wurde im Grunde während der ersten Woche der Bandproben gebucht, da ich den Eindruck machte, locker mit den mehrspurigen Sequenzern umgehen zu können. Ganz falsch! Bei meinem ersten Treffen mit ihr stellte sie klar, dass sie alles aus dem Computer abfahren wollte. Alles was ich damals hatte, war ein Atari 1040 und sechs 8MB-Sampler für die Wiedergabe, während drei spielten, luden die anderen drei für den nächsten Song. Das war völlig verrückt, aber ich habe es hinbekommen und war seitdem auf jeder Tour dabei.

Marcus: Ich hatte in England mit Richard Ashcroft von The Verve gearbeitet. Er war einige Jahre zuvor schon als Support für Madonna unterwegs. Außerdem hatte Steve, der Drummer in Madonnas band schon mit Richard gearbeitet, so dass es schon eine Verbindung gab. Als sie die Band für die Drowned World-Tour zusammenstellte, wurde mein Name genannt und so ist es denn passiert. Kein Vorspielen - ich musste nicht dastehen und Chopin oder ähnliches vorspielen. Ich denke, es wurde einfach vorausgesetzt, dass ich spielen kann.

Mike: Ich habe damit begonnen, für diese Tour zu programmieren während ich mit Mariah Carey unterwegs war— Dateien sortieren und sicherstellen, dass ich alle benötigten Teile zusammen hatte. Stuart Price und ich trafen uns eine Woche bevor die Proben begannen in L.A., um die Arrangements zusammenszustellen. Stuart ist ein sehr guter Remixer und Musiker und Madonna erwartete von ihm, dass er viele ihrer großen Hits aus den ’80ern und ’90ern für die Tour neu erfinden würde. Ich half, wo es nötig war, aber Stuart hat die meisten Arrangements erstellt. Mein Haupt-Job war es, alle möglichen Versionen in den Computer einzugeben, so dass es für die Proben mit Madonna alles zur Verfügung stand. Manchmal gefiel es ihr sofort und manchmal würde sie eine andere Richtung vorgeben. Dabei erwartete sie, ihre Version sofort hören zu können, was den Job gelegentlich “interessant” machte, aber wir haben es geschafft. Sie ist hart aber gerecht, also war es nicht wirklich schlimm.

War es notwendig, für diesen Gig vom Blatt spielen zu können?

Marcus: Normalerweise war die Musik nicht aufgeschrieben, es sei denn, irgendetwas wurde uns plötzlich vorgeworfen. Für diesen Fall hatten wir stapelweise Gitarren-Akkordbücher, um uns eine grundlegende Akkordstruktur greifen zu können.

Normalerweise gehen wir folgendermaßen an die Sache heran: Stuart macht eine Art Remix-Version des Songs in seinem Studio und spielt ihn Madonna vor. Wenn es ihr gefällt, teilt er die Parts in einzelne Spuren auf und wir stehen um ihn herum und beschließen, wer was spielen soll. Wir nehmen so viel wie möglich aus dem Mix heraus und lassen nur die Teile stehen, die man nicht mit der Hand spielen kann. Dann stellen wir die Sounds zusammen und beginnen mit den Proben.

Wie hat sich Eure Ausrüstung über die Jahre entwickelt?

Mike: Ich habe mit einem Atari Computer begonnen, hatte davor aber noch einen Commodore 64, den ich in den Tagen meiner ersten Bands benutzte. Mit Earth, Wind & Fire habe ich 1987–88 einen Roland MC-500 benutzt. Auf den Mac umgestiegen bin ich 1991 mit einem SE30, dann mit einem Mac IIci und so weiter, bis ich heute bei meinen G5s und einem G4 angekommen bin. Zuerst hatte ich jede Menge Synth Module und Keyboards. Heute habe ich nur noch einen Fantom-X7 und einen V-Synth.

Marcus: Auch meine Ausrüstung ist zwangsläufig kleiner geworden. Aber, um ehrlich zu sein, mir gefällt das. Momentan habe ich die beste Zusammenstellung, die ich je hatte. Mehr als das brauche ich wirklich nicht. Es ist kompakt, aber perfekt. Es gibt noch einige Knöpfe zu drehen, was mir gefällt. Im vergleich zum letzten Jahr habe ich sogar einen Schritt zurück gemacht. Ich habe mich von dem automatisierten Mixer getrennt und ihn durch ein kleines Analog-Pult ersetzt. Mit dem alten Pult konnte ich nicht so intuitiv zugreifen und Effekte einsetzen. Jetzt habe ich drei oder vier Returns, über die ständig alle Keyboards laufen, so dass ich jeden Sound zu einer der drei Delay Lines senden kann, die ich manuell kontrolliere.

Welche Roland-Geräte hast Du im Laufe der Zeit benutzt?

Mike: Ich hatte bis jetzt so ziemlich alles, was Roland herstellt, mit auf Tour und es hat fehlerfrei funktioniert. Roland hat schon immer Road-taugliche Instrumente hergestellt. Der Fantom-X und der V-Synth sind sehr solide.

Marcus: Einer meiner Lieblinge - und ich habe immer noch einen - ist der JUNO-106. Ich benutze ihn viel für Bass Linien. Wenn ich Pads mit dem JUNO aufnehme, zeichne ich zuerst einen Kanal mit dem Sound auf, danach spiele ich den Part nochmal mit leichter Verstimmung auf der anderen Seite ein. Dann nehme ich denselben Part nochmals eine Oktave höher auf und mixe alles zusammen.

Andere Geräte … TR-909, -808, neuerdings MC-505 - mit denen habe ich gerne gearbeitet. Sie waren hervorragend geeignet, um Aufnahmen zu beginnen - die Atmosphäre zu schaffen. Außerdem der JD-800, ein erstklassiges Gerät. Ich habe viel Spaß dabei gehabt, ihn zu programmieren. Jede Menge Fader und Regler!

Auf dieser Tour spielt ihr beide Fantom-X und V-Synth. Wie setzt Ihr sie ein.

Mike: Der Fantom-X spielt meistens Strings, Piano und Pads. Ich liebe die Orchetral Cards, die Roland herausgebracht hat; sie sind extrem ausdrucksstark. Das Fantom-X “Ultimate Piano” kommt ebenfalls häufig zum Einsatz. Der V-Synth wird mehr für Synth Bass und analoge Synth Linien verwendet. Ich habe mich allerdings bei beiden Instrumenten bis jetzt nur mit der Oberfläche beschäftigt.

Marcus: Hervorragende Instrumente, während der Tour hat sich ihr Einsatz verändert, da wir ständig dazulernen. Ich füge täglich neue Dinge hinzu — speziell beim Fantom-X. Der gefällt mir wirklich gut. Er beitet eine erstklassige Auswahl an Werkssounds, so dass man aus dem Vollen schöpfen kann. Die Strings sind erstaunlich — sie klingen wunderbar und lassen sich hervorragend spielen. Das ist überhaupt sehr wichtig: es reicht nicht, wenn ein Sound gut klingt - er muss sich auch gut spielen lassen! Wegen des Bühnendesigns und weil wir nur ein sichtbares Keyboard haben wollten, haben wir uns für den Fantom-X entschieden, da er alles bietet, was wir brauchen. Er hat alle Sampling-Funktionen, einen Sequenzer, Controllers etc.. Also habe ich die speziellen Sounds für die Songs hineingeladen, sie etwas editiert und resampled und kann sie jetzt einfach spielen. Alles am Fantom ist offensichtlich. Die Sample-Bearbeitung ist wirklich einfach.

Der V-Synth wird hauptsächlich für Lead Sounds und alle möglichen Effekte benutzt. Ich habe auch einige Samples von den Alben hineingeladen, die ich dann encodiert habe, so dass ich sie manipulieren kann. Das besondere am V-Synth ist, dass man Samples, sobald sie encodiert sind, mit Controllern beliebig steuern kann — vorwärts, rückwärts, auf, ab — und sie klingen immer gut, da das Timing mit beabeitet wird, was man mit einem normalen Synthesizer nicht machen kann. Und der COSM [TB-303]-Filter ist der Hammer. Der V-Synth bietet wirklich erstaunliches.

In “Crazy For You” benutze ich einen V-Synth Lead-Sound, welcher Montes Gitarren-Part mit einer Art Pad doppelt - dabei benutze ich den D Beam, um in Oktaven herauf und hinunter zu fahren. Es sind jede Menge Delays und Reverbs dabei und es klingt wirklich klasse, wenn man mit dem D-Beam die Oktaven herauf und hinunter fährt - außerdem sieht's gut aus. Außerdem spiele ich in “Hollywood” einen Sitar-Part, wozu eine der Tänzerinnen einen traditionellen indischen Tanz in einem Fahrstuhl aufführt. Mit dem D-Beam lasse ich dabei die Sitar an einigen Stellen verrückt spielen, was mit sehr gefällt. Ein weiteres hervorragendes Patch aus dem V-Synth, welches ich gerne benutze heißt “MemoryMoke”. Es bildet eine prima Grundlage, die ich für Programmierungen für “Material Girl,” “Burning Up” und einige andere 80er-Jahre-Songs benutzt habe.

Mike, Du bist Madonnas “Rechte Hand” auf allen Touren seit über 10 Jahren. Was hast Du dabei gelernt, was Dir auch bei dieser Tour hilft?

Mike: Um auf alles vorbereitet zu sein, habe ich für jeden Song verschiedene Versionen am Start. Außerdem denke ich immer voraus, was sie jeden Moment verlangen könnte, um ein Arrangement zu verfeinern. Es ist wichtig, überall Backups zu haben, und jede variation abzuspeichern, falls sie irgendwann eine frühere Version benutzen will. Kurz gesagt: mitdenken und aufmerksam sein.

Abschließende Gedanken über das Leben auf Tour mit der wahrscheinlich berühmtesten Frau der Welt?

Mike: Madonna ist die ultimative Tour-Erfahrung - niemand kann ihr das Wasser reichen. Sie bucht die besten Leute und die Tour läuft wie eine gut geölte Maschine ohne die üblichen Idiotien, die ich von anderen Touren kenne. Sie arbeitet sehr hart mit allen, aber sie mutet sich selbst genauso viel zu, wie den anderen, also ist es ok. Besser kann's nicht werden.

Marcus: Es ist zweifellos einer der besten Jobs der Welt.