Interview mit Lenny Kravitz
Music from the Heart

Seine Klamotten, seine Einstellung und sein musikalischer Stil wurden als eine Rückkehr zu den glorreichen Tagen von Sly Stone, Jimi Hendrix, John Lennon und Curtis Mayfield beschrieben. Kritiker nennen ihn einen Kerl aus einer anderen Zeit, der sich in der Nostalgie einer längst vergangenen Ära feiert und heutigen Standards und Trends trotzt. Und selbst seine Anhänger sind amüsiert über seine Bemühungen eine Welt zu meistern, in der er nicht lebt. Nein, wir sprechen nicht von Austin Powers. Aber wie dieser fiktive Spion aus der Vergangenheit, ist die Rock-Ikone Lenny Kravitz eine Figur, die bis heute die Trends und Technologien seiner Zeit ignoriert, und stattdessen Alben veröffentlicht, die wie lange vergessenen Zeitkapseln wirken, voll mit handverlesenen Sounds und sorgfältig gefertigten Songs im Geiste der 60 und 70er Größen. Sogar sein Modegeschmack-Schlaghosen, Seidenhemden und knielange Mäntel, die Superfly grün vor Neid machen würden- scheinen von anderem Ort und längst vergangener Zeit inspiriert.
Vielleicht hat Kravitz und Powers geteilte Leidenschaft für den längst vergangenen Höhepunkt der Lebenskunst, Guy Oseary von Maverick Records dazu veranlasst, Kravitz mit dem Guess Who Cover American Woman am Soundtrack von Austin Powers:’The Spy Who Shagged Me’ zu beteiligen. „Als Guy mich anrief, und mich darum bat diesen Song für den Soundtrack aufzunehmen, fand ich das eine klasse Idee,“ sagt Kravitz. „Ich dachte, das ist ein Song guter Song für mich. Ich ging nur in ein Studio, nahm ihn auf und fertig. Es war so einfach und sehr hip. Es ist ein toller Gitarrensong mit einem coolen Riff, darum fühlte es sich für mich sehr natürlich an. Wir hatten noch mehr Spaß beim Videodreh für diesen Song. Wir waren 500 Leute in der Wüste. Wir verschossen einiges an Feuerwerk, und dann waren überall diese Mädels auf Motorrädern, sehr cool.“
Es wäre einfach Lenny Kravitz zu kritisieren, wenn seine Musik nur Stil und ohne Substanz wäre. Aber alle fünf Alben, die Kravitz in den letzten 10 Jahren veröffentlichte, sind voll von Ohrwürmern, klugen Arrangements versierter Produktion, und zeigen das Kravitz mehr Künstler als Nachahmer ist. Kravitz selber lacht über die Revisionistenschublade, und behauptet, das er nur die Musik spielt, die er selber gerne hören würde. „Ich kümmere mich nicht um die Kritiker oder die Schubladen in die sie mich stecken wollen“, sagt Kravitz. „Ich mache doch nur Musik.“

Kravitz Festhalten an seiner eigenen Art der Musik, schadet jedoch nicht seinem Erfolg. Sein letztes Album, 5, schwebt bereits seit über einem Jahr in den Top 100 Billboard Charts. Seine aktuelle Single, Fly away, schaffte den bisher einmaligen Hattrick, in drei Single Charts Spitzenreiter zu sein (Mainstream Rock, Modern Rock und Adult Top40) und brachte ihm einen Grammy für Best Male Vocal Performance ein. Letztes Frühjahr tourte er quer durch die USA mit den Black Crowes.

Außer das 5 eines der erfolgreichsten Alben von Kravitz ist, entfernt er sich nun auch ein Stück von seinem Retro-Stil. Als anerkannter Analog-Equipment Süchtiger, der angeblich nichts in sein Studio stellte, was älter als von 1972 war, erstaunte Kravitz die Puristen, als er verkündete, das 5 digital aufgenommen wurde. Das Album ist außerdem geschmückt mit modernen Elementen, wie Dance-orientierten Drum-Machine Pattern, gesampelten Trip-Hop Drumloops, und industrialmäßig verzerrten Gesängen, die einen vorher nicht dagewesenen Rahmen bilden.
„Ich habe mein Album absichtlich digital aufgenommen, gerade weil ich vorher gesagt habe, das ich so etwas nie tun würde,“ sagt Kravitz. „Ich will mir selber keine Grenzen setzen. Es war sehr interessant mit einem digitalen Rekorder zu arbeiten. Es ist ein ganz anderer Ansatz zu arbeiten. Dinge, die sonst Stunden dauern, brauchen nur Sekunden. Ich bin immer noch ein „Analog Guy“, aber nun mag ich die Kombination.“
Aber trotz des ausgiebigen Einsatzes von moderner Technik und den zeitgemäßen Elementen, ist die Musik immer noch tief verwurzelt in Classic Rock, Soul and Funk. Live, der Opening Track, klingt wie einer vergessene Sly and the Family Stone Single; Super Soul Fighter klingt als würde Prince über einem P-Funk Groove jammen; You’re My Flavour wird angetrieben von einer beatle-esquen Gitarrenfigur; und Stone Cold Player schleicht zu einem fiesen Gitarrenriff dahin, wie aus einem Gruselfilm. Das Endergebnis ist das bisher am weitesten verwirklichte Album von Kravitz.
„Ich gehe einfach in ein Studio nehme auf, was mir einfällt,“ erklärt Kravitz.. „Ich weiß nie wirklich was passiert, wenn ich anfange. Manchmal beginne ich mit den Drums. Manchmal mit der Gitarre. Manchmal spiele ich Schlagzeug zu einem Drum-Machine Groove. Es gibt keine Formel. Meine Songs entstehen auf alle möglichen Weisen. Das mag ich!“.
Vielleicht eines der besten Beispiele für Kravitz kreativen Impulse, ist die Entstehung seiner größten Hit-Single Fly away. „ Als ich den Song schrieb war es so etwas wie ein Unfall,“ sagt Kravitz. „Das Album war bereits fertig. Ich spielte mit einem Gitarrenamp rum, und bestimmte Sounds ließen mich bestimmte Sachen spielen. Ich spielte das Riff und mir gefielen die Chords, also entschied ich das aufzunehmen. Ich dachte, ich könnte das für eine B-Seite benutzen, oder sogar verwerfen. Ich spielte die Gitarre, dann den Bass und die Drums. Und das wars schon.
„Ich spielte ein Tape des Songs während ich mit meinem Jeep auf den Bahamas herumfuhr,“ fährt Kravitz fort. „Und kam in richtig gute Stimmung. Dabei fielen mir Worte und Melodie ein. Es war wirklich einfach. Supereinfach. Ein Freund von mir, der mich dort besuchte, hörte den Song und sagte: ‚Diesen Song musst Du aufnehmen!’ Ich sagte; ‚Ah, no way. Es ist nur etwas Bullshit mit dem ich rumspiele, wie auch immer...’. Er sagte, ‚Nein, nein. Mach das fertig.’ Ich hatte jedoch nicht die Zeit dafür; ich arbeitete gerade an Cree Summers Album. Aber mein Freund bestand darauf, also sang ich den Song ein. Mir gefiel es sehr, also beschloss ich den Song doch auf das Album zu nehmen. Und alles wegen meinem Kumpel. Er ist ein guter Freund, jetzt kann ich sogar sagen er ist einer meiner Besten.

Die Live-Band von Lenny Kravitz entstand auf eine ähnliche ungeplante und lockere Art. Kravitz traf den Gitarristen Craig Ross, mit dem er seit dem Mama Said Album zusammenarbeitet, durch die Vermittlung von Kathy Valentine der Go-Go’s. „Ich traf ihn in einer Billard-Halle in L:A:,“ sagt Kravitz. „Wir spielten eine Runde, er kam mit zu meinem Haus und wir jammten, und er hatte den Job am nächsten Morgen. Wir haben einige Unterschiede, doch sehr viel mehr Gemeinsamkeiten.“

Kravitz Schlagzeugerin, Cindy Blackman, bekam ihren Job ebenfalls auf eine lockere Art. „Ich fand sie am Telefon,“ lacht Kravitz. „Sie hatte ihre Audition, indem sie spielte und ich am Telefon zuhörte. Mir gefiel was ich hörte, also engagierte ich sie vom Fleck weg. Das wars. Sie ist für ihren Jazzbackground bekannt und spielte mit etablierten Jazzgrößen, aber in dieser Band muss sie etwas mehr rocken.“
Den Job mit Kravitz Live-Band sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Nicht nur das sie das Feeling von Kravitz sorgfältig gefertigten Songs seines Albums wiederaufleben lassen müssen. Sie müssen außerdem in der Lage sein, die Songs durch Improvisation in neue Höhen zu treiben. „Improvisation ist für uns sehr wichtig,“ sagt Kravitz. „Wir haben kein Problem mit Jamming. Wir jammen genauso viel, wie andere Bands. Ich erinnere mich an die H.O.R.D.E tour und einige Bands dachten, ich wäre ein Pop-Act, weil ich im Radio gespielt wurde. Ich habe vielleicht manchmal erfolg in der Pop-Ecke, aber jeder der mich einmal Live gesehen hat, weiß das ich kein Pop-Act bin. Nachdem ich mein Set gespielt hatte, kamen sie zu mir und sagten, das sie diesen Sound nicht von mir erwartet hätten. Wir gingen auf die Bühne und rockten. Das ist unsere Art. Ich habe tolle Musiker da oben. Sie sind sehr vielseitig. Sie verstehen sehr gut, wie und was ich spiele. Aber es gibt eine Menge Raum für sie, um ihre eigene Persönlichkeit zu zeigen. Das geht nur, weil ich wirkliche klasse Musiker habe.
Kravitz ist mit seinem Equipment ähnlich gesegnet. Nachdem er 1989 seinen Vorschuss für die Aufnahme des Albums Let Love Rule erhalten hatte, machte er sich auf den Weg jedes erhältliche und begehrenswerte Instrument bzw. Audio-Equipment zu erwerben. Sein eigenes Aufnahmestudio ist geschmückt mit einer Auswahl der feinsten Röhrenmikros, Mikrofon-Preamps, Kompressoren und Limiter die je gebaut wurden. Seine Instrumentensammlung besteht aus mehr als 90 erstklassigen Vintage Gitarren, wie originale 50s  Les Pauls, Custom Stratocasters, Gibson ES-335 und Flying V’s, und sein Vertärkerarsenal beinhaltet wenigstens ein Modell jedes klassischen Amps, der je gebaut wurde, unter anderem Marshalls, Fender und Vox-Amps. Sogar seine Keyboardsammlung ist reichlich bestückt mit Vintage Orgeln und Analog-Synths.
Aber der Mittelpunkt seines Studios ist ein Mischpult, das einst in den Abbey Studios in London stand – das selbe Pult auf dem die Beatles alles von Meet The Beatles bis Abbey Road aufgenommen haben. „Ich kaufte das Pult als noch niemand sich um so etwas kümmerte,2 sagt Kravitz. „Dieser Mixer ist ein unbezahlbares Stück Equipment. Es ist ein Museumsstück befürchte ich. Es sollte in der Rock’n Roll Hall of  Fame ausgestellt werden. Es gibt so viele Bilder von den Beatles an diesem Pult. Ich war derjenige, der das ganze Vintagezeug wieder hervorgeholt hat. Bevor ich das Pult hatte, dachte jeder Vintage-Equipment ist Schrott.“
Aber jetzt, wo der Rest der Welt Kravitz Begeisterung für Vintage-Equipment teilt, bereut er es, dass er jemals so lautstark seine Vorliebe für klassisches Equipment kundgetan hat. „Ich bin genervt vom Vintage Gitarren Markt,“ beklagt sich Kravitz. „Ich fing an diese Instrumente zu sammeln, als mir klar wurde, dass Gitarren heute nicht mehr so gebaut werden. Jetzt gehen die Preise durchs Dach und ich kaufe nichts mehr. Ich suche nicht mal mehr danach. Die Preise sind Bullshit. Viel zu teuer. Es sind nur Gitarren. Ich will sie nicht schlecht machen, aber es sind eben nur Gitarren. Ich liebe wirklich alle Gitarren in meiner Sammlung. Sie klingen verschieden und fühlen sich unterschiedlich an, und sie sind für unterschiedlich Sachen gut. Aber eine Gitarre sollte nicht mehr als ein paar hundert Dollar kosten. Mehr hat Jimi Hendrix auch nicht bezahlt. Heute kann man bis zu 60 Riesen für eine Gitarre bezahlen. Macht mal halblang.“
Kravitz ist genauso frustriert über die Preise von Vintage Keyboards, jetzt wo die Sammler ihre Aufmerksamkeit darauf gerichtet haben.. Aber glücklicherweise hat er einen passenden Ersatz für seine teure Vintage Keyboard Sammlung im 64-stimmigen JV-2080 Synthesizer Modul gefunden. „Ich was echt überrascht von dem Ding,“ sagt Kravitz. „ Es bietet eine erstaunliche Vielfalt an diesen tollen, alten Sounds wie Mellotrons und eine Vielzahl an Orgeln. Der Besitz des JV-2080 rettet mich davor, all die echten Instrumente mit auf Tour zu nehmen und zu beschädigen. Ich glaube es klingt genau wie die Vorbilder. Ich benutzte das JV-2080 auf dem Album für alle String Sections. Es ist das erste Album, auf dem ich keine echten Streicher benutze. Das meiste ist das Roland in Verbindung mit einigen Streicher Samples. Wenn ich komponiere habe ich immer das 2080 dabei. Es hat all diese unterschiedlichen Sounds, die ich mag, und es ist einfach damit umzugehen. Wenn ich schreibe oder mir ein paar Grooves einfallen, will ich nicht mit einem Haufen Keyboards arbeiten. Ich nehme nur den JV-2080.
Der JV-2080 ist nicht das einzige Roland-Instrument, welches Kravitz Lob erntet. Er ist auch ein großer Fan der V-Drums, die er sofort für Cindy Blackman’s Bühnenperformance kaufte besorgte. Blackman’s Kit besteht aus einem V-Drum Set und einer akustischen Kick und  Tom für die richtige Mischung – alles speziell in Sparkly Red lackiert.
„Da Cindy einen Jazz-Background hat, waren die V-Drums nicht ihre Welt,“ sagt Kravitz. „Darum habe ich sie damit ausgestattet. Sie werden jetzt ein Teil ihrer Welt, aber sie waren es nicht von Anfang an. Wir haben sie speziell lackiert und sie sehen wirklich cool aus. Cindy benutzt die V-Drums für Songs wie Black Velveteen und Super Soul Fighter bei denen wir besondere Sounds brauchen. Wir benutzen Sie viel für bestimmte Effekte, die man mit normalen Drums nicht hinbekommt. Beim Song Take Time nimmt Cindy die V-Drums für den Gong, mächtige Toms und die Snare. Sie spielt viel auf dem Set, doch sie mischt alles zusammen. Sie spielt die V-Drums für unsere Version von American Woman, weil wir dort Handclaps statt einer Snare benutzen.“
Als Kenner von Vintage-Sounds, ist Kravitz Fan von vielen klassischen Roland-Geräten. Auch wenn er nicht er nicht alle Geräte besitzt, die er gerne hätte, hat Kravitz doch festgestellt, das er viele der Sounds auch mit aktuellen Geräten erzeugen kann.
„Ich mochte schon immer den Sound der TR-808 Drummachine, aber ich habe keine,“ erklärt Kravitz. „Aber die TR-808 Sounds auf meinem JV-2080 sind genauso gut. Ich habe viele der Sounds auch in Variationen auf Can’t say no benutzt. Oft mische ich die TR-808 Bassdrum mit einer anderen Kick und gebe nur etwas dazu, um diese extra Wärme und Präsenz zu erhalten. Ich mag alle Roland Drumsounds. Alle Drumsounds auf Can’t say no sind von Roland.“
Kravitz hat auch ein Auge auf die MC-505 Groovebox und den JP-8000 Analog Modeling Synthesizer geworfen. „Ich möchte diese Sachen auf meinen nächsten Aufnahmen verwenden,“ sagt er. „Der JP-8000 sieht irre aus, mit all diesen Knöpfen an denen man drehen kann.“
Es kann jedoch etwas dauern bis wir ein neues Kravitz Album hören werden. Da sein letztes Album dauerhaft in den Charts ist, möchte er noch weitere 6 Monate touren. Und das Album wird nur noch populärer durch aktuelle Remixe, wie z.B. die Versionen seiner Songs von Smashing Pumpkin’s Billy Corgan, oder dem angesagten Dance-Artist BT. Aber trotz alldem bereitet es seinen nächsten Schritt vor. Während er On the Road war, hat er sich ein Studio in Miami eingerichtet, nachdem er einige Jahre in New York City lebte.
„Ich bekomme gerne viele unterschiedliche Eindrücke, deswegen ziehe ich häufig um,“ sagt Kravitz, der auch schon in L.A. und New Orleans lebte. „Ich weiß nicht, wie sich das in meiner Musik wiederfindet. Aber ich vermute, man spürt es an der Energie... ich freue mich wirklich sehr in meinen neuen Studio arbeiten zu können, es wird unglaublich.“
Kravitz ist ein lebendes Zeugnis für das alte Sprichwort das besagt, „Wenn Du das tust, woran Du glaubst, wirst Du auch Erfolg haben.“ Seine Gegen-den-Strich Attitüde mag ihm mehr Kritik einbringen, als anderen Künstlern, die den Trends folgen, aber Kravitz ist das egal. „Ich weiß, das ich anders bin,“ sagt er. „Aber es ist mir egal ob ich irgendwo reinpasse oder wer mich akzeptiert. Ich mache Musik mit meinem Herzen, und das ist alles.“

Text: Chris Gill