Interview mit Onree Gill, Musical Director bei Alicia Keys
Gerade in ihren 20ern angekommen hat Singer-Songwriter Alicia Keys bereits erreicht, wovon andere Künstler träumen. Ihr Debut Album, Songs In A Minor ist ganz oben in den Billboard charts gelandet, ausserdem wurden daraus die Nummer 1 Hit Single “Fallin’” und die kraftvolle Nachfolge,Single “Girlfriend” ausgekoppelt. Keys’ einzigartiger “Neo-Soul”-Sound, der Hip-Hop, R&B, klassischen Soul und Jazz zusammenmischt, hat Kritiker überall beeindruckt und ihr mehrere Grammy Awards, einschließlich Best New Artist und Song of the Year eingebracht. Alicia hat sehr früh angefangen, ihr Talent zu entwickeln und Gesang an Manhattans Professional Performing Arts School studiert, wo sie mit 16 ihren Abschluss machte. Nach einem kurzen Zwischenstopp an der Columbia University beschloss sie, sich auf das Songwriting zu konzentrieren. Das führte zu ihrer Entdeckung durch Clive Davis von Arista Records im Jahr 1998. Als Davis Arista verließ, um J Records zu gründen ging Keys mit ihm. Der Rest ist Geschichte.
Roland Users Group hatte die Chance mit Keys’ Rechter Hand, dem New Yorker Keyboarder und Producer Onree Gill zu sprechen, um mehr über die Musik dieser jungen Neo-Soul Diva zu erfahren. Hier ist die Story - direkt aus Onrees Studio in der Bronx.

RUG: Wie hast Du angefangen, Musik zu machen?
Onree: Naja - mein Vater war Musiker, also bin ich damit aufgewachsen, dass er schrieb und spielte. Er nahm mich mit ins Studio, zu dem auch eine Bar gehörte. Zu der Zeit war ich sieben oder acht Jahre alt. Ich saß an der Bar und bekam einen Saft, um mich ruhig zu halten. Also saß ich und sah ihnen beim Komponieren und spielen zu. Mein Vater arbeitete mit Gruppen wie GQ und Freddie Jackson. Also wenn er komponierte hat er mich immer mitgenommen.

RUG: Also ist Dein Vater auch Keyboarder?
Onree: Ja, er hat Klavier gespielt und gesungen. Meine Eltern haben mich auch immer mit zur Kirche genommen. Ich lernte Schlagzeug zu spielen, indem ich den Schlagzeuger in der Kirche beobachtete. Ich starrte ihn an und versuchte jede Bewegung, die er machte mitzubekommen… Eines Tages begann ich einfach dadurch, dass ich ihn beobachtete, mir selbst das Spielen beizubringen.

RUG: Was würdest Du als Dein Haupt-Instrument bezeichnen?
Onree: Diese Frage bekomme ich oft gestellt. Seit ich ein Kind war, habe ich Schlagzeug gespielt und an der High School spielte ich Bass, weil da einfach zu viele Schlagzeuger waren. Ich dachte, wenn da vier Schlagzeuger sind, brauchen sie mich nicht auch noch, um zu trommeln, also habe ich mit Bass-Spielen angefangen. Nach der High School ging ich als Schlagzeuger auf Tour. Zwischendrin, als ich so 17 oder 18 Jahre alt war, begann ich mich auch mit dem Piano zu beschäftigen.

RUG: Hast Du auch einmal Klavierunterricht bekommen oder hast Du alles nach Gehör gemacht?
Onree: Alles nach Gehör. Mein Vater hat mich ans Klavier gesetzt und gesagt “Jeder gute Junge macht das gut - Also los!” (lacht) Die Tatsache, dass ich immer von Musik umgeben war, hat mein Gehör entwickelt… und ich wusste, was ich hören wollte. Also habe ich einfach versucht, die Sachen, die ich hörte, nachzuspielen. Die Kirche war auch sehr wichtig für mich, da es dort zu der Zeit keinen Pianisten gab, bin ich einfach hingegengen und habe gespielt.

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RUG: Also spielst Du Klavier, Bass und Schlagzeug… noch was anderes?
Onree: Ich probiere zur Zeit mit Blasinstrumenten herum. Ich versuche ab und zu Saxophon zu spielen, aber das kann ich nicht. Auf der Gitarre kann ich die Sachen zupfen, die ich hören will. Ich würde sagen - um zu Deiner Frage zurückzukommen - mein Hauptinstrument ist wohl das Klavier. Ich spiele immer noch gelegentlich Schlagzeug auf Sessions. Aber ich versuche zum Komponieren alle meine Instrumente wach zu halten.

RUG: Wie bist Du zu Alicia gekommen?
Onree: Durch einen guten Freund. Sein Name ist Ray Chu. Er rief mich an und fragte “Onree, was machst Du gerade?” unjd ich sagte “Ich komponiere.” Wir hatte früher schon zusammengearbeitet, als ich für Missy Elliott und einige andere Leute gespielt habe. Er sagte, “Du solltest Dir diese Junge Dame anhören. Ihr Name ist Alicia Keys und ich frage mich, ob Du nicht bei ihr musikalischer Leiter sein willst.”

RUG: Wie lange ist das her?
Onree: Das war 2000 oder 1999 - vor ungefähr drei Jahren.

RUG: Das war bevor "Songs In A Minor" herauskam?
Onree: Ja, das Album war gerade am Entstehen. Wir trafen uns und es hat sofort gefunkt. Wir wurden Freunde und der Rest ist Geschichte. Man kann hervorragend mit ihr arbeiten.

RUG: In welchem Zusammenhang hast Du begonnen mit Alicia zu arbeiten?
Onree: Ich war ihr musikalischer Leiter. Wir haben damit begonnen, ihre Songs für ihre Show zu arrangieren und verschiedene Elemente und Stimmungen für ihren Auftritt zusammenzustellen. Sie ist eine erstklassige Sängerin, also haben wir praktisch alles zusammen gemacht. Wir heben als Team gearbeitet.

Zu Zeiten wo sie zu beschäftigt war, sagte sie z.B. “Ich brauche einen dramatischen Schluss für ‘Woman’s Worth’ Wir spielen im Fernsehen.” Also sagte ich, “ich weiß - Du gibst Interviews… Ich hab’s.” Wenn sie dann zur Probe kam, hatte ich vier Varianten für sie fertig und sie suchte sich einen aus.... Normalerweise arrangieren wir aber alles zusammen.

RUG: Wie lange seid Ihr jetzt auf Tour?
Onree: Wir haben Anfang 2000 angefangen - im April. Als wir auf der Maxwell-Tour waren, war sie der Opener für die Tour. Das war bevor sie durchstartete und die Grammys bekam… das war schon ironisch, wir waren auf Tour und das Album schoß nach oben und sie war der Opener, das war schon cool.

RUG: Du warst an das Tour-Leben als Drummer gewöhnt?
Onree: Ja, ich war schon als Schlagzeuger und Pianist auf Tour. Ich habe Schlagzeug für leute wie Al B gespielt. Außerdem für eine Gruppe aus drei Mädchen mit Namen ‘Jade,’ und eine männliche Gruppe mit Namen ‘Intro’. Dann habe ich angefangen, Piano mit Leuten wie Terry Ellis von En Vogue, Missy Elliot, DMX und Puffy zu spielen. Wir haben Remixe für Mary J. Blige gemacht… und eine Menge Keyboards für diese Songe eingespielt. Wir haben Sachen wie Tina Turner und Bryan Mc Knight… und eine Menge andere Künstler gemacht.

RUG: Also hast Du jede Menge Album Credits?
Onree: Ja, das sind schon einige.

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RUG: Welche instrumente spielst Du, wenn Du auf Tour bist?
Onree: Im Moment habe ich ein Suitcase ‘73 Fender Rhodes und verschiedene andere Keyboards. Ausserdem habe ich natürlich die hervorragenden VS-2480. (lacht) Die 2480 spielen zusätzliche Drum Sounds und andere Dinge, die wir von der Platte benutzen. Auf einem ihrer Songs hat Alicia z.B. ein 30-köpfiges Orchester. Das konnten wir natürlich nicht mit auf die Tour nehmen. Also habe ich die Originalaufnahmen auf das VS-2480 überspielt und es klingt absolut authentisch. Viele Elemente von der Platte sind in der Live-Show… Ein anderes Beispiel sind die Bläser. Wenn wir in Europa auf Tour sind, können wir es uns nicht leisten, alle Bläser mitzunehmen - mit dem 2480 ist das kein Problem. Mit den Einzelausgängen und der Klangqualität klingt alles absolut sauber und brillant. Ich habe auch diverse Soundeffekte aufgenommen.

RUG: Spielt Ihr zum Klick-Track?
Onree: Ja. Das haben wir mit dem VS-880 begonnen. Da haben nur der Drummer und ich es gehört. Aber jetzt auf unserer US Tour, haben wir Kopfhörer-Mixe, so dass jeder, der will, den Klick haben kann.

RUG: Gibt es Tricks oder Insider-Wissen, das Du unseren Lesern gerne mitteilen würdest?
Onree: Naja - der Shift-Taster ist einer meiner besten Freunde. Fünf Sekunden können auf der Bühne eine Ewigkeit sein. Mit dem Shift-Taster kann ich die Shortcuts nutzen und Dinge wesentlich schneller erreichen. Wenn man so viele Songs hat, muss man schnell sein. Auf diese Weise, mit den Shift- und Locate-Tastern verpasst man keinen Taktschlag.

RUG: Verwendest Du die Phrase Pads?
Onree: Nein, aber die Phrase Sample Pads sind ein großartiges Feature. Bei uns gibt es beispielsweise eine Nacht mit Namen “Freedom Night,” wo eine band spielen kann, was sie will. Dafür könnten die sample Pads ideal sein. Eine hervorragende Funktion des 2480 sind die Locate-Taster. Ich wüsste nicht, was ich ohne sie machen würde. Alicia spielt nicht jede Nacht dasselbe; Wir haben verschiedene Set-Listen, die wir von Auftritt zu Auftritt variieren. Mit den Locate-Tastern kann ich die Songs sofort auswechseln. Wenn also Alicia einen Song ansagt, drücke ich einfach auf einen Taster und da ist er. Wenn wir ein technisches Problem haben, drücke ich einfach auf Stop und finde den Song, den sie spielen will, sofort.

RUG: Was gefällt Dir noch beim 2480?
Onree: Die beleuchteten Taster—speziell auf dunklen Bühnen. Auch Auto Mix ist eine hervorragende Funktion, da ich es wichtig finde, jederzeit die volle Kontrolle über die Dynamik zu haben

RUG: Was machst Du am liebsten?
Onree: Am liebsten stehe ich auf der Bühne. Man muss eine Menge vorbereiten—Üben, Arrangieren, Programmieren, alles auf das 2480 übertragen. Aber der Auftritt ist mir am liebsten. Nach all der harten Arbeit aufzutreten und zu sehen, wie die Menge begeistert ist und ihren Spass hat - das ist das Größte.

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RUG: Du musst aber doch froh sein, endlich wieder zu Hause zu sein
Onree: Oh ja, nach zwei Jahren ist es angenehm, wieder zu Hause zu sein. Aber ich kann mich über die Arbeit mit Alicia wirklich nicht beschweren. Sie kümmert sich um ihre Leute. Wie es ihnen geht, ob sie zufrieden sind. Das ist ihr wichtig. Wenn alle um sie herum glücklich sind, ist sie auch glücklich. Jeden Tag stimmt sie mit mir ab, ob alles ok ist. Bei der Arbeit scheint sie viel älter zu sein - so bodenständig wie sie ist. Was sie antreibt, ist nicht das Business; sie ist Vollblutmusikerin. Sie liebt es ihr Handwerk zu verfeinern und besser zu werden. Selbst nach diesen ganzen Preisen ruht sie sich nicht auf ihren Lorbeeren aus. Ich garantiere Dir, auch jetzt sitzt sie irgendwo und übt. Das inspiriert mich, mit ihr Schritt zu halten.

RUG: Was ist mit Deinen eigenen Sachen?
Onree: Nun - ich habe einiges mit Eve gemacht. Ausserdem arbeite ich an Filmmusik. Wenn man so viel unterwegs ist, ist es schwierig, in der Spur zu bleiben. Aber ich versuche wieder einige sachen zu schreiben und zu produzieren. Ich werde ständig gefragt und jetzt kann ich wieder einiges machen. Ich möchte auch einmal eigene Künstler entwickeln.
RUG: Was hältst Du von der neuen “Neo-Soul”-Bewegung?
Onree: Naja - mit der modernen Technologie können die Leute zu Hause sitzen und ein komplettes Album produzieren. Aber jetzt fangen manche auch wieder an, ihre Instrumente zu spielen. Die herangehensweise ist heute anders, deswegen nennt man es wohl ‘Neo Soul.’ Ich würde z.B. Alicia als Classical-Neo-Soul-Pop bezeichnen. Wir fangen tatsächlich jede Show mit einem klassischen Stück an. Neo Soul kommt auch wieder, weil die leute Live-Instrumente hören wollen. Man kann durch das Spielen so viel Liebe projizieren. Jeder behandelt sein Instrument unterschiedlich - und das macht es zu etwas ganz besonderem.

RUG: Was kommt als nächstes?
Onree: Sie arbeitet an einer neuen Platte und in sieben Monaten gehen wir wohl wieder auf Tour. Im Moment macht sie allerdings Pause. Sie war ständig in Aktion. Jetzt rät ihr jeder, mal etwas kürzer zu treten. Man braucht auch mal Zeit für sich selber. Sie ist ein Workaholic. Sogar im Bus haben wir ein VS-1880. das ist auch eines Ihrer Werkzeuge. Wir benutzen es immer, um zu schreiben. Danach werden wir wieder auf internationaler Tour sein - und das VS-2480 ist immer dabei...
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